Vor ein paar Tagen herrschte in Deutschland die größte Hitze ever: 41,7 Grad. Alle stöhnten und litten und nicht wenige starben. Und was liest und hört man dazu in den Medien? Schlimm sei das alles. Man solle nur genug trinken, denn bald sei mit der nächsten Hitzewelle zu rechnen.
Sonst kaum etwas und schon gar nichts dazu, was zu tun ist, um den Klimawandel abzuwehren oder zumindest abzumildern, statt sich ihm auszuliefern. Warum erfüllen die Medien hier nicht ihre ureigene Aufgabe, die Menschen aufzuklären und zu sinnvollem Verhalten zu bewegen?
Publizistische Medien sind in der demokratischen Gesellschaft wichtige Akteure, die erheblichen gesellschaftlichen und politischen Einfluss ausüben. Zwar erleben wir z.B. den Klimawandel gerade in diesem Hitze-Sommer direkt und persönlich, aber wie wir darüber denken und handeln, wird nicht zuletzt davon geprägt, wie und was in den Medien darüber gezeigt, geschrieben und gesprochen wird. Das aktuelle Versagen in Sachen Klimaschutz ist eine Gelegenheit, einmal genauer zu schauen, wie die Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit in den publizistischen Medien verhandelt werden.
Dass es den menschengemachten Klimawandel und andere Nachhaltigkeitsprobleme wie Artensterben und Ressourcen-Übernutzung gibt, ist kein Phänomen, das der unmittelbaren Beobachtung zugänglich ist. Es erschließt sich nur der wissenschaftlichen Betrachtung mit dafür geeigneten Methoden. Auch wenn wir nie dagewesene Hitze und heftige Unwetter erleben, wir können darunter leiden und sie einfach hinnehmen. Wir können aber auch an den Klimawandel und andere dahinterliegende Ursachen denken und vielleicht sogar unser Verhalten ändern. Was wir tun, hängt auch davon ab, wie wir medial über Hintergründe und Ursachen informiert werden.
Es beginnt damit, ob Nachhaltigkeitsprobleme in den Medien, die wir nutzen, überhaupt zum Thema gemacht werden, wie häufig und mit welchem Impetus darüber berichtet wird. Werden Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, die positive Zukunftsperspektiven eröffnen oder wird nur beklagt und vermeintliches Ausgeliefertsein behauptet. Allerdings ist zu beachten, dass es „die Medien“ natürlich nicht gibt, sondern das Spektrum vom sog. Boulevard (BILD, RTL) über Tagespresse, -rundfunk und -fernsehen bis zu anspruchsvollen überregionalen Print- und Funkmedien (z.B. ZEIT, FAZ. Süddeutsche Zeitung, 3sat, Arte) reicht, die jeweils andere Adressaten mit unterschiedlichem Duktus und Anspruch ansprechen. Gegenüber wissenschaftlichen Publikationen vereinfachen und verkürzen alle Publikumsmedien, aber in sehr unterschiedlichem Umfang.
Über alle Unterschiede hinweg lässt sich beobachten, dass die journalistische Arbeitsweise zumeist ereignisorientiert ist. Ein Thema wird erst im Zusammenhang mit berichtenswerten Ereignissen aufgegriffen. So wurde z.B. 2007 die Verleihung des Friedensnobelpreises an den Weltklimarat und an den Klimaaktivisten Al Gore ausführlich behandelt, ebenso wie die Anfänge der FridaysForFuture-Demonstrationen 2018 und ihre weltweiten Erfolge. Fast durchweg sind es Personen und/oder weltpolitische Treffen, an denen sich mediale Berichterstattung festmacht, kaum einmal wissenschaftliche Publikationen, auch wenn diese für die Vermittlung von echtem Nachhaltigkeitswissen wesentlich ergiebiger wären. Dementsprechend stehen weniger Sachverhalte und Zusammenhänge im Fokus als vielmehr Statements von Aktivisten oder politischen Entscheidungsträgern.
Zudem gibt es Aufmerksamkeitsphasen und Vernachlässigungsphasen der medialen Behandlung des Themas. Als nach dem Aufmerksamkeitsschub durch den Friedensnobelpreis 2007 auf dem Klimagipfel in Kopenhagen 2009 kein globaler Klimavertrag zustande kam, verschwand das Thema von der medialen Bildfläche und wurde erst durch das Pariser Klimaabkommen 2015 wiederbelebt. Insgesamt machte die Berichterstattung zu Nachhaltigkeitsthemen nur einen sehr geringen Teil der gesamten medialen Inhalte aus. Eine Studie der Universität Zürich belegt, dass sich zwischen 2006 und 2018 nur 0,2 Prozent der Artikel in der Süddeutschen Zeitung und der FAZ dem Thema Klimawandel widmeten. Ähnliches gilt für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Oft werden Artensterben und Klimawandel als Phänomene beschrieben, die räumlich weit weg und zeitlich in ferner Zukunft liegen. Medienkonsumenten können so den Eindruck haben, dass sie das eigentlich noch nichts angeht.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie im Auftrag der Malisa-Stiftung, die 2023 von Forscherinnen der Universität München durchgeführt wurde und sich auf die Fernsehberichterstattung konzentriert. Nur etwa 1,8 % der Sendezeit widmen die untersuchten Sender dem Thema Klimawandel und sogar nur 0,2 % dem Thema Biodiversität, obwohl sich knapp die Hälfte der befragten ZuschauerInnen eine regelmäßige Behandlung der Themen wünschen, einige sogar als „tägliches Update“. Die Befragten wünschen sich beim Thema Klimawandel weniger Faktenanalyse („weiß man doch längst alles“ und „erleben wir doch fast täglich selbst“) aber mehr konkrete Handlungsperspektiven, während beim Thema Biodiversität das Interesse an Faktenwissen stark ausgeprägt ist. Dabei ist die Selbsteinschätzung des eigenen Wissens oft übertrieben, wie eine Studie der Universität Hamburg aus 2023 zeigt. Denn das Klimawissen der Bevölkerung ist zwar im Zeitverlauf relativ konstant – bleibt jedoch auf recht niedrigem Niveau: Nur 14 Prozent der Befragten wussten, dass die Pro-Kopf-Emissionen in Indien viel niedriger sind als in Deutschland und nur 18 Prozent wussten, dass die weltweiten Emissionen heute etwa um 50% höher sind als 1990.
Wenn dann doch einmal die direkte Betroffenheit nicht zu leugnen ist, wie z.B. beim Ahrtalhochwasser 2021 und bei den aktuellen Hitzewellen in Südeuropa und in Deutschland, dann verharrt die Berichterstattung an der Oberfläche der Ereignisse und thematisiert vor allem direkte Abwehr- und Anpassungsmaßnahmen. Eine Darstellung dessen, was Experten zur Vermeidung künftiger Schadensereignisse empfehlen, fehlt überwiegend.
Viele Journalisten sehen sich in der Rolle des neutralen Beobachters, der immer auch abweichende Meinungen zum Thema behandeln sollte. Das führt dazu, dass nachhaltigkeitsbezogene Medienbeiträge oft auch solche Meinungen referieren, die Probleme relativieren oder leugnen. Ein solches Vorgehen ist im Politikjournalismus angemessen, nicht aber bei der Darstellung von Klima- und Nachhaltigkeitsproblemlagen. Denn hier geht es um wissenschaftlich belegbare Fakten, die keine Meinungen, sondern wahre Befunde sind, und zwar solange bis sie durch neue Forschungsergebnisse widerlegt werden. Leugnungen und Relativierungen von Nachhaltigkeitsproblemen finden sich daher in wissenschaftlichen Veröffentlichungen praktisch gar nicht mehr, die Fachwelt ist sich weitgehend einig.
In Publikums-Medien dagegen werden sie der „Neutralität“ wegen immer wieder referiert. Zudem wird dort nur selten ein positiver Handlungsbezug hergestellt, also zwar über relevante Probleme, kaum aber über Problemlösungen berichtet. Die wissenschaftlichen Hintergründe werden fast gar nicht referiert. So lassen sich begründetes Wissen und handlungsbereite Einstellungen nicht herstellen.
Manche Medien wollen allerdings gar nicht sachlich begründete Informationen liefern, sondern politische Stimmungen prägen. Sie liefern gezielt Desinformationen, indem sie z.B. über vermeintliche Studienergebnisse berichten, die den menschengemachten Klimawandel in Abrede stellen. So stellte das österreichische Internet-Portal Report24 eine Studie vor, die behauptet, dass CO2 als Hauptursache der Erderwärmung „physikalisch unmöglich“ sei. Die Studie zeige, dass sich die „vermeintliche“ Erhitzung des Planeten fast vollständig in den Ozeanen abspiele – verursacht von natürlichen Schwankungen der Sonneneinstrahlung.
Das ist nachweislich falsch. Es ist unzweifelhaft der stark gestiegene CO2-Gehalt der Atmosphäre, der die festgestellte Klimaerhitzung maßgeblich verursacht. Zudem nehmen die Ozeane zwar glücklicherweise bis zu 30% des emittierten CO2 auf. Allerdings führt das zu einer Versauerung der Meere. Denn mit der verstärkten Aufnahme von CO2 sinkt der pH-Wert des Meerwassers und die Ozeane fangen an, selbst zu kippen. Die Ozeane sind kein Gefäß, das man unendlich weiter füllen kann. Fehlinformation auf der ganzen Linie.
Dabei gibt es natürlich auch verschiedene Akteure, die es darauf anlegen, Klimaschutz zu verhindern oder zu reduzieren, vor allem ihrer eigenen wirtschaftlichen Interessen halber. Auch diese finden oftmals den Weg in die einschlägigen Publikumsmedien. So gelingt es, Zweifel am Klimawandel und geplanten Klimaschutzmaßnahmen in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Es hat sich ein verzweigtes Geflecht aus Lobbygruppen, Konzernen, politischen Akteuren, Medien und Bürgerinitiativen gebildet, in dem zwar offiziell niemand dem 1,5 Grad-Ziel der Pariser Klimakonferenz widerspricht, wohl aber wie z.B. die deutschen Autohersteller mit medial erfolgreicher Resonanz gegen Stickoxid-Grenzwerte und das Verbrenner-Aus argumentiert. Medien wie die WELT oder BILD verbreiten die Narrative und stützen bereitwillig auch die regierungsinterne Lobbyistin Katharina Reiche mit ihren Konzepten zur Bremsung der Energiewende, der es im Übrigen gelingt, ihre Klimaschutz-Brems-Strategie und die Reduzierung des Naturschutzes auch im aktuellen Hitzesommer unvermindert durchzuziehen .
Fassen wir zusammen: Klima-Aspekte werden im Medien-Alltag nur zu oft übersehen. Der Klimawandel ist ein strukturelles Problem und von globalen Konferenzen und Protesten abgesehen kein Ereignis mit Nachrichtenwert. Es mangelt häufig an medial interessanten Akteurinnen und Akteuren, abgesehen etwa von Greta Thunberg oder Luisa Neubauer. Gruppen wie die „letzte Generation“ oder „Ende Gelände“ werden medial oft als Querulanten und gewalttätige Extremisten dargestellt, ohne die Angemessenheit ihrer Forderungen auch nur zu prüfen. Nachhaltigkeitsfragen sind ein übergreifendes Thema, das quer zu den journalistischen Ressorts wie Politik, Wirtschaft oder Kultur liegt. Medien verbreiten lieber die Äußerungen von Politikerinnen und Politikern, als selbst Themen zu setzen. Ein aktiver Journalismus, der kritisch Missstände auf die Agenda bringt und die Leser- und Seherschaft zu angemessenem Handeln veranlassen will, widerspricht dem dominanten Leitbild des neutralen journalistischen Beobachters.
Gibt es Alternativen? Ja, die gibt es. Medienwissenschaftler fordern z.B., dass seriöser Journalismus den Klimaleugner und –bremsern nicht immer wieder ein Forum bieten sollte, sondern die angestrebte Ausgewogenheit durch eine differenzierte Darstellung verschiedener Forschungsbefunde herstellen kann. „Ausgewogenheit in der Klimaberichterstattung bedeutet, diverse auf Forschung gestützten Befunde darzustellen und diejenigen zu Wort kommen lassen, die sie herausgefunden haben“, erklärt z.B. die Kölner Medienforscherin Marlis Prinzing. „Das kennzeichnet seriösen Journalismus.“ Für die digitalen „sozialen“ Medien fordert sie einen unabhängigen Digitalrat als zentrale Anlaufstelle, ähnlich wie es Presserat, Werberat und PR-Rat in anderen Zusammenhängen gibt.
Auch die Wissenschaft, vor allem Klima- und Nachhaltigkeitsforschung und Kommunikationswissenschaft, sind gefordert, ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, indem sie Fakten mediengerecht aufbereiten und Forschungsergebnisse verständlich formulieren. Im Team mit interessierten „Normalbürgern“ ließe sich herausfinden, ob Texte wirklich verstanden werden und ob bei der Klimaberichterstattung auch die Bereiche erfasst sind, die die Menschen in ihrem jeweiligen Umfeld bewegen und die sie beeinflussen können. Das würde Vertrauen erzeugen, denn je vertrauter die Menschen mit wissenschaftlichen Methoden und Befunden sind, desto größer ist auch ihr Vertrauen in die Vorschläge der Forscher/innen.
Journalistinnen und Journalisten sind gefordert, neue Berufsauffassungen und Berichterstattungsmuster zu entwickeln und umzusetzen. Da gibt es das Konzept des „transformativen Journalismus“, der sich öffnet, um die gesellschaftlichen Debatten über die nötige sozio-ökologische Transformation kritisch-konstruktiv zu begleiten. Das ist nicht etwa ein Journalismus, der einzelne politische Parteien bevorzugt, sondern der die gesellschaftliche Notwendigkeit eines wirksamen Umwelt- und Klimaschutzes herausarbeitet. Ökologisch-engagierte JournalistInnen werden damit gewissermaßen selbst zu Klimaaktivisten, was jedoch angesichts der globalen Bedrohungssituation keineswegs einen Mangel darstellt.
Ein Beispiel für transformativen Journalismus ist das Eintreten für mehr differenzierte Klimaberichterstattung und die Stärkung der fachlichen Expertise in den Redaktionen: Die über 500 internationalen Medien, die in der Initiative covering climate now kooperieren und sich zu intensiverer Klimaberichterstattung bekennen, erreichen ein Publikum von mehreren Milliarden Menschen. In Deutschland engagiert sich die Initiative Klima vor acht seit 2020 dafür, regelmäßige Fernseh-Klimaberichterstattung zur Prime Time einzurichten.
Zu vermeiden ist ein Fokus auf Negatives und Bedrohliches, der sich z.B. im Wirtschaftsjournalismus findet, wenn immer wieder die hohen Kosten des Klimaschutzes und die mit ihm verbundenen Verluste des materiellen Lebensstandards behauptet werden. Das ist nicht nur nachweislich falsch, denn die Kosten unterlassenen Klimaschutzes sind erheblich höher. Es führt auch zu irrationalen Ängsten, Depressionen und zur Abwendung von Nachrichten zum Klimaschutz.
Konstruktiver Journalismus muss gegensteuern und nicht nur Probleme benennen, sondern auch Lösungsvorschläge und existierende Initiativen darstellen. Menschen kommen nur dann ins Handeln, wenn sie für sich selbst oder für die Gesellschaft als Ganzes auch Handlungsmöglichkeiten sehen. Das müsste doch möglich sein und nicht nur bei JournalistInnen, sondern auch bei Verlegern und Verantwortlichen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Zustimmung finden. Es ist unser aller Lebensgrundlage, die auf dem Spiel steht und zu deren Sicherung transformativer Journalismus einen Beitrag leisten kann und sollte.
