Wenn man sich auf die Suche nach Beispielen für ein ehrliches und anspruchsvolles Nachhaltigkeitsengagement von Unternehmen macht, dann kommt man nicht an denjenigen vorbei, die damit bereits vor langer Zeit angefangen haben, damals noch unter der Überschrift „Umweltmanagement“.
Es begann Mitte der1980er Jahre, also einige Jahre nachdem die Studie zu den „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome die Umweltproblematik ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt hatte. Mitglieder des Bundesverbands Junger Unternehmer (BJU, heute Die jungen Unternehmer) gründeten 1984 eine Ökologie-Kommission und entwickelten eine Checkliste, anhand derer Unternehmen eine erste Bestandsaufnahme der Umweltprobleme ihres Unternehmens und ihrer Bewältigungsmöglichkeiten durchführen konnten. Daraus entwickelten sich gleich zwei Verbände einschlägig interessierter Unternehmen, der Förderkreis FUTURE und der Bundesdeutsche Arbeitskreis für umweltbewusstes Management BAUM. Einige Jahre später kam ein dritter Verband hinzu, der sich zunächst Unternehmensgrün nannte und inzwischen Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft heißt. Alle drei Verbände setzen sich für nachhaltige Unternehmenführung ein, bieten Hilfestellungen für ihre Mitgliedsunternehmen und vergeben Preise für ein entsprechendes Engagement. Da inzwischen auch der Deutsche Nachhaltigkeitsrat, die Bundesstiftung Umwelt und andere Organisationen Umweltpreise vergeben, ist die Liste entsprechender Preise sehr lang geworden und selbst für Experten kaum mehr überschaubar.
Zu den Pionieren im Einzelnen: Es waren vor allem unternehmerische Führungskräfte, die das Umweltthema persönlich für sich entdeckt hatten und nicht nur privat, sondern auch in Ihrem Unternehmen praktisch etwas tun wollten, um Umweltprobleme aufzuspüren und konstruktiv zu lösen, auch wenn sich ihre KundInnen oder MitarbeiterInnen gar nicht besonders dafür interessierten. Klaus Günther in der Fa. Bischoff und Klein, Georg Winter von Ernst Winter und Sohn, beide Mitgründer von FUTURE und BAUM, sind hier an erster Stelle zu nennen. Andere wie Franz Ehrnsperger (Neumarkter Lammsbräu), Michael Otto (Otto-Versand), Karl Neff (Neff GmbH), Hans-Olaf Henkel (IBM Deutschland), Hermann Fischer (AURO Pflanzenchemie) und Claus Hipp (HIPP) kommen hinzu. Sie waren die Promotoren eines entsprechenden Engagements der Unternehmen, in denen sie Verantwortung trugen, die sie zum Teil mit gegründet hatten. Schaut man heute in die Internet-Auftritte dieser Unternehmen, dann finden sich nur bei wenigen von ihnen auch weiterhin deutliche Zeichen des damaligen Engagements, vor allem bei der Neumarkter Lammsbräu, bei Hipp und bei AURO. Die anderen bestehen zum Teil nicht mehr, haben die Eigentümer gewechselt oder ihr Nachhaltigkeitsbemühen ist kaum mehr von dem anderer Unternehmen zu unterscheiden.
Das liegt daran, dass die „Langläufer“ ihr Umweltengagement auch und vor allem in ihren Produkten ausdrücken und nicht nur darin, dass sie negative Umweltaspekte in den Prozessen und im Umfeld verringern bzw. vermeiden, ansonsten aber weitermachen wie gewohnt. Neumarkter Lammsbräu ist eine Öko-Brauerei, HIPP produziert Bio-Nahrungsmittel für Kinder, AURO ist ein Hersteller von Naturfarben. Nachhaltigkeit prägt also das Kerngeschäft und drückt sich damit in allen Bereichen des Unternehmens aus. Der gesamte Lebenszyklus der Produkte und Leistungen dieser Unternehmen ist auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Wer Kunststoffverpackungen, Werkzeuge oder Computer herstellt, dessen Kerngeschäft ist „normal“, oft wenig modifiziert und eben nicht oder nur begrenzt nachhaltig, wie engagiert auch immer die Chefs oder Manager hinter dem Nachhaltigkeitsanspruch standen.
Ein zweites kommt hinzu. In der Liste der genannten Pioniere finden sich fast nur kleinere bzw. mittlere Unternehmen. Lediglich IBM und Otto sind Großunternehmen. Weitreichendes Engagement für Nachhaltigkeit scheint also nur dann wirklich Chancen auf ernsthafte Umsetzung zu haben, wenn es in Eigentümerunternehmen von umfassend durchsetzungsmächtigen Personen gefördert und gefordert und an entsprechend engagierte Nachfolger übergeben wird. Angestelltes Führungspersonal, so engagiert es sein mag, wird zumeist nach nur wenigen Jahren abgelöst und „vererbt“ dieses Engagement eher selten. Auch auf IBM und Otto trifft dies zu, wenngleich Michael Otto Miteigentümer war.
Zu den erwähnten Pionieren gesellten sich, oft auch bereits in den 1980er Jahren, andere, vor allem Neugründungen, die sich inzwischen soweit etabliert haben, dass sie den meisten von uns bekannt sein dürften. Das sind z.B. Handelsunternehmen im Lebensmittelsektor, im Bürobedarf und im Textilsektor. Genannt seien hier stellvertretend Alnatura, Memo und Hessnatur. Diese Unternehmen haben in ihren Branchen Entwicklungen angestoßen, die inzwischen so weit verbreitet sind, dass es nicht wenige direkte Wettbewerber gibt und auch die konventionellen Konkurrenten mindestens einige Öko-Produkte im Sortiment führen.
Schließlich war und ist es die große Zahl der Öko- bzw. Bio-Bauern, die oft schon weit vor den 1980er Jahren auf den Einsatz chemischer Hilfsmittel verzichteten und Lebensmittel anbauten oder produzierten, die die Lebensgrundlagen bewahren und Mensch und Natur miteinander versöhnen. Ich nenne hier wegen der großen Zahl nicht einzelne Betriebe, sondern die Verbände, die Anregungen geben und Produktzeichen vergeben und damit den Verbraucher*Innen garantieren, dass die so ausgewiesenen Produkte nach den Öko-Kriterien der Verbände hergestellt wurden. Dies sind vor allem demeter, der bereits 1924 gegründete Verband auf Grundlage der Lehre Rudolf Steiners, sowie Bioland. Inzwischen gibt es ca. 37.000 Bio-Betriebe, die ca. 12% der landwirtschaftlichen Fläche bewirtschaften. Nicht selten verkaufen die Öko-Bauern in Hofläden oder im Direktvertrieb ihre Produkte an Menschen in ihrer Region und tragen auch auf diesem Weg zur Nachhaltigkeit bei.
Auch wenn hier nur einige wenige erwähnt werden können, ohne die Pioniere wäre es kaum dazu gekommen, dass heute in fast jeder Branche Umwelt und Nachhaltigkeit ein großer Thema ist. Leider entsteht dabei allerdings öfter der Eindruck, dass eher Greenwashing im Spiel ist und kein ernsthaftes Bemühen um Nachhaltigkeit. Hierzu positiv abweichende aktuelle Beispiele zusammenzutragen, die noch nicht so bekannt sind wie die Pioniere, das ist meine Absicht in dieser Kolumne.