Was haben Handys mit Nachhaltigkeit zu tun?

  

  Auch wenn Kanzler Merz etwas anderes meinte, als er seine Ausführungen über das Stadtbild zum Besten gab , eines ist aus unserem Stadtbild wirklich nicht mehr wegzudenken, das Handy. Auffällig in der Gesäßtasche steckend, oft auch in der Hand oder vor dem Gesicht getragen, ist es überall. Kaum ein Mensch geht heute überhaupt noch ohne Handy aus dem Haus. So weit so gut, die Zeiten ändern sich. Ist eigentlich das Bemühen um Nachhaltigkeit auch davon berührt? Schau‘n wir genauer hin.

 

 

 

 

 

   Als ich ein Kind war, hieß telefonieren entweder zuhause oder in einer Telefonzelle einen schweren Hörer von der Gabel zu nehmen, eine Wählscheibe in Bewegung zu setzen, um eine damals noch vier- oder fünfstellige Nummer zu wählen und über eine Kabelverbindung den Gesprächspartner zu kontaktieren. Heute dürften viele Kinder gar nicht mehr wissen, wie damalige Telefone und Telefonzellen aussahen. Selbst Babys machen im Kinderwagen Wischbewegungen und sind ganz begierig, das Smartphone ihrer Mutter in die Hände zu bekommen und Bilder oder Videos anzusehen.

  Nachdem Autoren bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Handys in Sciencefiction-Romanen zum Leben erweckt hatten, wurden 1946 die ersten realen Mobilfunkgespräche über Autotelefone möglich. Zum Tragen waren diese Geräte aber viel zu schwer und für den Normalo viel zu teuer, denn sie kosteten etwa halb so viel wie ein ganzes Auto. 1973 stellte die Firma Motorola den ersten Prototyp eines tragbaren Mobiltelefons her. Ab 1985 gab es ein analoges Funknetz, das kleinere Geräte mit einer geringere Sendeleistung ermöglichte, mit Tragegriff, Hörer und externer Antenne.

  Die Digitalisierung ließ die Geräte weiter schrumpfen, die Netze an Kapazität und Reichweite wachsen und führte auch dazu, dass die Nutzer nicht mehr nur telefonieren, sondern auch im Internet nach Belieben surfen konnte. Heute sind Handys überwiegend Smartphones, in die viele Funktionen wie z.B. Kamera, Radio, MP3-Player eingebaut sind und mit denen man eine Vielzahl von Anwendungen verfügbar hat. Fast jeder Gemüsehändler bietet eine kostenlose firmenspezifische App an und die sog. sozialen Medien wie Facebook, Instagram und Tiktok bestimmen immer stärker das Leben von immer mehr Menschen. Einen bunten Überblick über die Handygeschichte bietet die Plattform Smartmobil.  Weltweit soll es inzwischen so viele Handys wie Menschen geben , die Hälfte davon bereits ausgestattet mit dem erst 2019 eingeführten schnellen 5G-Standard.

   Damit wurden der weltweite Zugang zu dem globalen Wissen für alle Menschen möglich gemacht und damit Informationsprivilegien auf immer abgeschafft. Allerdings mit vielen Kehrseiten.

   Die sozialen Folgen der Internetnutzung sind aus meiner Sicht überwiegend negativ. Spätestens seit die Anbieter der „sozialen“ Plattformen ihre Geschäftsmodelle so perfektionieren, dass sie viele Nutzer süchtig machen, schlagen Wissenschaftler Alarm.  Die intensive Handynutzung, die viele Erwachsene und Jugendliche praktizieren, untergräbt echte persönliche Kontakte, führt zu Einsamkeit, Depressionen und anderen psychischen Störungen, insbesondere bei Jugendlichen. Ein Zugangsverbot für Jugendliche unter 13 bzw. 16 Jahren wird nicht nur diskutiert, sondern in einigen Ländern bereits praktiziert, allerdings mit eher mäßigem Erfolg. Die Plattformbetreiber leugnen die Gefahren und verstoßen sogar permanent gegen die z.B. in Europa bereits geltenden gesetzlichen Schutzvorschriften, ohne dass die Politik daraus wirklich Konsequenzen zieht. 

   Durch ihre Beschränkung auf kurze und die Bevorzugung schriller Inhalte fördern die Plattformen reißerische Nachrichten, Hass und Häme sowie Falschmeldungen, so dass der gesellschaftliche Diskurs, sofern er im Netz ausgetragen wird, immer weiter verkommt und konstruktive Debatten kaum noch stattfinden. Viele Jüngere suchen auch ihre politischen Informationen fast ausschließlich im Netz. Ihre wichtigste Informationsquelle ist Instagram, das 44 % täglich nutzen, weitere 35 % zumindest einmal in der Woche. Auch Facebook, TikTok und YouTube rangieren in der Gunst der jungen Menschen weit oben. Sie liefern sich damit einer Flut von schlecht oder gar nicht recherchierten Inhalten aus, die mit den professionell erarbeiteten Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehmeldungen nicht konkurrieren können.

   Die Möglichkeiten, die die sog. künstliche Intelligenz eröffnet, gefährden die wirtschaftliche Existenz vieler Berufsgruppen und bringen mit sog. Deepfakes neue Möglichkeiten insbesondere frauenfeindlicher Diskriminierung hervor. Das sog. Darknet bietet Kinderschändern und anderen Kriminellen einen weltweiten Resonanzraum.  Gesellschaftliche Gesamtfolgen unabsehbar. Was von den Entwicklern des Internets als menschenfreundlich und gemeinschaftsfördernd gedacht war, verkehrt sich zunehmend ins Gegenteil.

   Wie sieht nun aber die ökologische Dimension der Produktion und Nutzung digitaler Endgeräte wie Laptops, Tabletts, Handys usw. aus? Bereits 2013 hat das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie eine umfangreiche Faktensammlung publiziert, die heute lediglich fortgeschrieben werden muss. Seit langem gibt es den allgemeinen Trend zur Übernutzung der natürlichen Ressourcen. Die Entnahme von Baustoffen stieg im gesamten 20. Jahrhundert um den Faktor 34, von Erzen und Mineralien Rohstoffen um den Faktor 27, von fossilen Energieträgern um Faktor 12. In absoluten Werten: Der weltweite Verbrauch an Ressourcen betrug 2010 etwa 60 Milliarden to. Das führt zur Verschärfung insbesondere ökologischer, Probleme, so dass eigentlich eine Reduktion der Energie- und Ressourcenentnahme dringend notwendig wäre. Aber das Gegenteil geschieht, und zwar weltweit, weil das westliche Lebens- und Wirtschaftsmodell weltweit Nachahmer findet.

   Diese Entwicklung wird durch die Informationstechnologie verstärkt. Allein die Herstellung von Mobiltelefonen und Computern verschlingt viele wertvolle Ressourcen. Etwa 15% der jährlichen Kobalt-Produktion, 13% des Palladiums und 3% des jährlichen Gold- und Silberabbaus gehen auf das Konto der IT, Tendenz steigend. Zudem bedingt die Gewinnung dieser Stoffe einen enormen Energieverbrauch, CO2-Ausstoß und den Anfall großer Mengen zum Teil giftiger Abraumprodukte. Im Laufe seines Lebens verbraucht ein herkömmliches Handy alles in allem etwa 75,3 kg an Ressourcen – während es selbst nur etwa 80 Gramm wiegt. Das Weitere ist der sog. „ökologische Rucksack“, bei dem vor allem der Abbau der Rohstoffe 35,3 kg ausmacht. 

   Aus den gewonnenen Rohstoffen werden Geräte. Smartphones sind ein typisches Beispiel für die globalisierte Produktion von heute. Die fünf großen Anbieter Samsung, Nokia, Apple, LG und Huawei kümmern sich an ihren Hauptstandorten vorwiegend um Entwicklung, Design und Vertrieb. Die eigentliche Produktion wird in Entwicklungs- und Schwellenländer ausgelagert, überwiegend in Südostasien, in denen es kaum Arbeits- und Umweltschutzvorschriften gibt. Die Fertigung wird auf viele Zulieferbetriebe und Produktionsstätten verteilt. Alle Teile werden für die Endmontage zur Endmontage nach China, Vietnam oder Südkorea gebracht. Dies hat für die Produzenten den Vorteil, dass sich die Arbeitskräfte kaum gewerkschaftlich organisieren können. Daher herrschen Lohndumping, exzessive Überstunden und mangelnde Sicherheitsvorkehrungen am Arbeitsplatz, auch bei den teuren Top-Marken. 

   Zu den Zahlen: Die Mobilfunkindustrie stellte schon im Jahr 2010 mehr als eine Milliarde neuer Handys her. Bereits 2017 gab es weltweit ca. 7,8 Milliarden Mobilfunkverträge.  Und jährlich kommen Millionen Geräte dazu. Bis Januar 2025 stieg die Gerätezahl auf weltweit 7,42 Milliarden. Die Weltbevölkerung wächst um ca. 72 Millionen Menschen pro Jahr, viermal langsamer als die Zahl der Smartphones. Im Januar 2025 erreichte die Weltbevölkerung 8,23 Milliarden. Sollte dieser Trend anhalten, könnten bis Anfang 2028 die Zahl der Smartphones die der Weltbevölkerung übertreffen. 

   Und die Geräte werden intensiv genutzt und nach Kauf eines neuen Geräts von den Nutzern oft nicht fachgerecht zur Rückgewinnung der enthaltenen Rohstoffe entsorgt, sondern gehortet.  Der Branchenverband Bitkom hat errechnet, dass allein in Deutschland rund 195 Millionen ausrangierte Handys und Smartphones in Schubladen und Kellern lagern. Allein in Deutschland besitzen 61 Millionen Menschen wenigstens ein ungenutztes Smartphone, manche sogar drei oder mehr ungenutzte Mobilgeräte. Dabei gibt es kommunale Sammelstellen, die Händler müssen Geräte zurücknehmen und eine wachsende Zahl von Anbietern von Refurbished-IT kauft „gute“ Altgeräte zur Wiederaufarbeitung.

   Die Nutzung selbst bringt weiteren Energieverbrauch mit sich, und zwar an zwei Stellen, im Gerät selbst und in den Rechenzentren. Ein einzelner Ladevorgang verbraucht nur wenig Strom. Um den Akku einmal vollständig zu laden, fallen bei einem Strompreis von 40 Cent pro kWh nur 0,63 Cent an. Wer das Gerät alle zwei Tage voll auflädt, zahlt am Ende des Jahres ca. 1,10 €. Im Rechenzentrum fallen dann aber pro Nutzer und Jahr ca. 50 KWh Strom an. Zusammen mit dem Stromverbrauch für WLAN und Mobilfunknetz sind das etwa 87 KWh. Das ist schon eine gehörige Strommenge, die da verbraucht wird. Um diesen Strom „grün“ zu produzieren, bräuchte es einen erheblichen Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen.

   Nun scheinen Handys jedoch zum modernen Leben zu gehören wie Essen und Trinken. Die Frage ist daher: Ist eine halbwegs umweltverträgliche Handynutzung möglich? Verbraucherschützer haben da ein paar Empfehlungen

   Das beginnt beim Kauf. Neben den Großen gibt es einige Anbieter, die „faire“ Handys bauen und verkaufen.  Es ist zum einen das Fairphone aus Holland, zum anderen das Shiftphone aus Deutschland, das Maraphone aus Ruanda sowie Modelle von Gigaset, die in Europa hergestellt werden. Zum zweiten gibt es immer mehr Anbieter der schon erwähnten „Refurbished-Handys“, technisch aufbereiteten Second-Hand-Geräten. Diese stammen von Nutzern, die sich jedes Jahr oder mindestens alle zwei Jahre ein neues Handy kaufen und die damit der von vielen Herstellern und Vertragsanbieter eingebaute Strategie der „psychologischen Obsoleszens“ auf den Leim gehen.  Alle Handys halten technisch viel länger, als sie im Normalfall genutzt werden

   Viele Handyverträge sehen einen „automatischen“ Gerätewechsel vor, einen Mechanismus mit dem die Vertragsanbieter die Nutzer zur wiederum zweijährigen Vertragsverlängerung bewegen wollen, oft mit Erfolg. Hier ist die Inanspruchnahme einer Gutschrift, die manche Anbieter vorsehen, eine gute Möglichkeit, den rasanten Modellwechsel zu unterlaufen. Auch kann man auf andere Geräte wie z.B. Nawis, Kameras oder MP3-Player verzichten, da Smartphones diese Funktionen einschließen. In Familien und WGs braucht nicht jeder jedes Gerät für sich allein. Man kann sich Dinge ausleihen, man kann sie teilen oder tauschen.

   Ein weiterer Aspekt ist das Reparieren der Geräte z.B. für den Fall einer Schädigung des Akkus. Viele Hersteller erschweren den Akkuaustausch, unmöglich ist er deshalb aber keineswegs, wenn auch oft ziemlich teuer. Bei den „fairen“ Modellen sind die günstige Reparierbarkeit und der Akkuaustausch ausdrücklich eingebaut.

   Auch wenn nur wenig Strom bei der Nutzung verbraucht wird, ein Handy lässt sich ausschalten, wenn man es nicht braucht, z.B. in der Nacht, beim Sport oder bei einem Treffen mit Freunden. Beim gemeinsamen Essen, einem Spieleabend oder anderen „echten“ sozialen Kontakten sind eingeschaltete, bei jeder Push-Nachricht piepende Handys für mich Ausdruck einer Missachtung der PartnerInnen, auch wenn sie immer wieder zu beobachten sind.

   Wenn dann ein Handy nach langer Nutzung tatsächlich kaputt oder zum Oldie geworden ist, für das keine Updates mehr geliefert werden oder auf denen wichtige Apps nicht mehr laufen, dann mag es Zeit für ein Neues sein. Das Alte aber bitte nicht horten, sondern zum Recycling geben. Hierfür bietet z.B. die Deutsche Umwelthilfe seit längerem die Aktion Handys für die Umwelt an. Man kann das Handy dort hinschicken, es wird auf Weiternutzung geprüft und wenn nein der fachgerechten Entsorgung unter Wiedernutzung der Ressourcen zugeführt. 

   Bleibt zum Schluss die resignative Einsicht, dass nicht nur beim Handy, anderen digitalen Endgeräten und der zugehörigen technischen und sozialen Infrastruktur das alte Lied erklingt: Mit dem Antropozän ist die Welt in einer Epoche angekommen, in der der Mensch eine Eingriffstiefe in die natürlichen Zusammenhänge und Prozesse erreicht hat, die irreversibel zu sein scheint. Wir gestalten uns die Welt vermeintlich nach unseren Bedürfnissen, aber stören oder vielleicht sogar zerstören damit ein Gleichgewicht, das Jahrtausende gehalten und Leben ermöglicht hat. Mit der Aussicht, damit vor allem die menschlichen Lebensgrundlagen zu zerstören. Die digitale Technik ist darin nur ein Baustein mit unübersehbaren Vorzügen, aber zugleich eine Fülle von negativen sozialen und ökologischen Begleiterscheinungen für uns alle, ob wir’s wahrhaben wollen oder nicht.