Überall ist Krise. Die deutsche Wirtschaft wächst nicht mehr. Nicht nur in Deutschland sagen immer mehr „Experten“, wir müssten bei Klimaschutz und anderen kostenintensiven Nachhaltigkeitsbemühungen „realistischer“ werden. Bei den Trumpschen Zöllen und den unfairen chinesischen Subventionen dürfe die Wirtschaft nicht länger belastet werden mit teurem Ökostrom, mit dem schlimmen Lieferkettengesetz und anderen grünen Zumutungen. Der Umstieg auf E-Autos komme einfach zu schnell und die Subventionen beim Agrardiesel und bei den Pendlern seien unverzichtbar. Gefährdet die grüne Transformation den Wohlstand?
Eines ist unstrittig: Das Wirtschaftsmodell des „Exportweltmeister“ Deutschland wackelt. Auch der als Erfolg verkaufte Zoll-Deal mit der Trump-Administration scheint es nicht retten zu können. Alle klagen. 15% Basiszoll seien zu hoch, zumal die zusätzlichen 50% auf Stahl und Aluminium noch draufkämen und die US-Firmen für Exporte nach Europa keine Zölle zu zahlen haben. Tatsächlich sind die deutschen Handelsüberschüsse mit den USA eingebrochen. Fast alle Branchen haben Probleme: Autoindustrie, Maschinenbau, Pharma, Chemie … Auch an anderen Exportmärkten hat sich die deutsche Position verschlechtert. China ist nicht mehr dankbarer Abnehmer, sondern zunehmend Konkurrent. Noch dazu einer, dessen Politik die eigene Wirtschaft massiv subventioniert und die internationale Konkurrenz benachteiligt. Andere Staaten wie Indien schützen sich z.B. durch sog nicht-tarifäre Handelshemmnisse und regulieren so ihre Importe. Die Welt mit teuren deutschen Qualitätsprodukten zu beglücken, stößt nicht mehr überall auf Gegenliebe.
Auch im Inland gibt es viele Probleme: hoher Strompreis, ausufernde Bürokratie, Mangel an Fachkräften, gestiegener Mindestlohn, immer weiter steigende Lohnnebenkosten, marode öffentliche Infrastruktur. Also meinen die üblichen Verdächtigen: Wünsche nach mehr Umwelt- und Klimaschutz müssen zurückstehen. Sie sind einfach zu teuer. Noch mehr Subventionen für erneuerbare Energien, noch mehr CO2-Steuer, noch mehr Arten- und Gewässerschutz oder Gewähr für gerechte Lieferketten, das können wir uns einfach nicht mehr leisten. Stattdessen müssen die Sozialkosten runter, die Energiewende abgespeckt und der Klimaschutz zeitlich gestreckt werden, bis die Kassen wieder klingeln. Wann immer das sein wird.
Schauen wir näher hin. Wie schlimm ist die wirtschaftliche Lage wirklich?
Die Exporte in die USA haben sich tatsächlich reduziert, und zwar verglichen mit dem Juni 2024 um 8,4 Prozent. Insgesamt allerdings nahmen sie im Weltmaßstab vom September 2024 bis September 2025 um 2,0 % zu. Die Gewinne besonders betroffener Konzerne sind deutlich eingebrochen. Porsche SE z.B. hat in den ersten drei Quartalen 2025 einen Gewinneinbruch von 2,48 auf 1,59 Mrd. Euro zu verkraften. Anlagen- und insbesondere Bauinvestitionen sind in den letzten Jahren erkennbar geschrumpft.
Andere Unternehmen dagegen erleben Höhenflüge. Der Siemens-Konzern hat im abgelaufenen Geschäftsjahr 10,4 Milliarden Euro Gewinn erzielt, eine Steigerung um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Stolz verkündet CEO Busch: „Zum dritten Mal in Folge haben wir einen Rekord beim Gewinn nach Steuern erzielt.“ Die Beschäftigten allerdings müssen weiter bangen, denn er geplante Stellenabbau geht auch im Geschäftsjahr 2025/26 weiter. Der Konzern hatte Anfang 2025 einen Abbau von 6000 Stellen angekündigt. Im DAX melden vor allem Banken und Versicherungern gestiegene Umsätze und Rekordgewinne. Auch die Rüstungsindustrie boomt. Der Umsatz von Rheinmetall stieg im gleichen Zeitraum um rund 20 % auf 7,5 Mrd. Euro, der Gewinn legte von 613 auf 724 Mio. Euro zu. Abgesehen von erkennbaren Investitionszurückhaltungen ist es eigentlich wie immer. Einige verdienen prächtig, andere weniger, aber wirklich am Hungertuch nagt niemand.
Dabei sind sowohl unternehmensinterne Einflüsse wirksam als auch externe. Bei der Bauindustrie gibt es Probleme mit den Baukosten im Verhältnis zur Miethöhe. Hier verlangt die Mehrheit der Branche Abstriche bei den Umwelttauflagen. Bei der Autoindustrie sind es vor allem strukturelle Gründe wie der unklare Umgang mit der Elektromobilität, die Unfähigkeit, ein bezahlbares E-Auto auf den Markt zu bringen sowie die fehlende Absicherung gegen Abhängigkeiten bei Elektronik-Komponenten und Batterien. Hier fordern einige Gestrige die Renaissance des Verbrenners. Die Gewinner berichten in aller Bescheidenheit über ihre Erfolge und möglichst wenig über soziale Folgen und verbleibende ökologische Probleme. Die Rüstungsindustrie redet lieber nicht über Umweltprobleme, obwohl ihre Produkte überall menschliche und ökologische Katastrophen anrichten. Sie profitiert vom russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und der daraus folgenden massiven Aufrüstung der NATO. Ob und wie lange deren Boom anhält, kann niemand vorhersagen.
Ein anderer Fall ist die deutsche Stahlindustrie. Sie ist schon recht lange unter Druck, weil sie insbesondere bei Massenstahl mit den hiesigen Kosten kaum gegen internationale Wettbewerber aus China, Indien, Russland usw. konkurrieren kann. Sie wird allerdings von den US-Zöllen besonders stark getroffen, so dass staatliche Hilfen hier insbesondere dann geboten scheinen, wenn man diese Industrie als Grundstofflieferanten für viele andere heimische Branchen im Land halten will.
Zudem ist es eine Branche, die ihr Potential für die ökologische Transformation erkannt hat und in Deutschland schon recht weit damit vorangekommen ist. Die Branche ist für ca. 29% der Treibhausgasemissionen der Industrie und 6,5 Prozent der nationalen Gesamtemissionen verantwortlich. Sowohl bei den prozessbedingten CO2-Emissionen als vor allem beim Ersatz von fossiler durch nachwachsende Energie lassen sich erhebliche Mengen CO2 einsparen. Die vielversprechendste Option ist der Verzicht auf Kohle. Hierfür sind die notwendigen Technologien längst verfügbar. Bei der sog. Direktreduktion (DRI) kann grüner Wasserstoff eingesetzt werden. Voraussetzung dafür ist der massive Ausbau der Produktion von nachwachsender Energie. Sie fordert also mehr Elan bei der ökologischen Transformation, um weltweit mit „grünem“ Stahl zu punkten.
Dies ist ein Beispiel für eine sinnvolle ökologische Transformation: Die Branche wird als notwendig zu erhalten angesehen, Technologien liegen vor, ihre Weiterentwicklung bedarf unternehmerischer Weitsicht und staatliche Unterstützung. Jammern hilft nicht, man muss es tun. Das aber gilt für viele Branchen. Was erhaltenswert ist, muss gesamtgesellschaftlich entschieden werden. Was zur Transformation notwendig ist, muss eingesetzt werden, vor allem von den Unternehmen selbst, aber auch mit Unterstützung des Staates. Und was sich nicht transformieren lässt, wird weichen. Hier macht es keinen Sinn, ökologische Ansprüche aufzuweichen oder mit Subventionen die alten Strukturen zu konservieren. Das erkennen sogar die sog. „Wirtschaftsweisen“ in ihrem jüngsten Jahresgutachten. An seine Stelle wird Neues treten, das die Herausforderungen einer nachhaltigen Wirtschaftsweise erfüllt und die Belastungen minimiert.
Der deutsch-österreichische Ökonom Joseph Schumpeter nannte diesen Prozess schon 1911 „schöpferische Zerstörung“ und erachtete ihn als maßgeblich für die ökonomische Entwicklung eines Landes. Seine Theorie enthält aber auch einen eher skeptischen Ausblick auf die Dauerhaftigkeit dieser Dynamik. Das Wirtschaftsbürgertum sah er als unfähig an, auf Dauer eine politische Führungsrolle wahrzunehmen. Zudem untergrabe die wirtschaftliche Konzentration das Privateigentum. Immer mehr kleine und mittlere Betriebe würden von großen Konzernen übernommen, so dass wirtschaftliches Handeln „entpersönlicht und automatisiert werde und immer mehr Bureau- und Kommissionsarbeit“ Platz greife. Folgt man dieser Argumentation, dann ist es geradezu notwendig, dass große Unternehmen ihre alten Führungsrollen verlieren und durch sog. „Start-ups“ verdrängt werden.
Im Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise lässt sich dies tatsächlich beobachten. Es sind vor allem kleine inhabergeführte Unternehmen, die den ökologischen Wandel ernsthaft vorantreiben. Sie gründen und betreiben Unternehmen, um „die Welt zu verbessern“, nicht in erster Linie um reich zu werden. Und sie klagen nicht, dass ihre Gewinne schrumpfen und die Trumpschen Zölle sie bedrohen. Sie tun, was angesichts dser existetiellen Bedrung durch die Klima- und Nachhaltigkeitskrise für Unternehmen geboten ist. Sie erfinden das Wirtschaften neu. Sie bemühen sich um Vermeidung ökologischer Schäden und Nachhaltigkeit.
Alle diejenigen, die ökologische Transformation für richtig und notwendig halten, sind gefordert, diese Öko-Pioniere zu unterstützen, „faire“ Handies zu kaufen, kleine Stromer als Stadtmobile zu mieten statt zu kaufen, Bio-Höfe zu unterstützen usw. usw. Wenn es der Staat dann tatsächlich hinkriegt, die Energiewende nicht mit neuen Gaskraftwerken, sondern mit grünem Strom zu fördern und der Stahlindustrie beim Ergrünen zu helfen, hilft auch das. Denn das Alte verschwindet nicht, wenn man es immer wieder mit Subventionen und ökologischer Zögerlichkeit schützt.
Zum Schluss aber noch einige klare Worte zu der These, wir könnten uns die Transformation nicht leisten. Betrachtet man die gesamtgesellschaftlichen Kosten, dann ist das schlicht Unsinn. Klimawandel, Artensterben, Vergiftung von Böden, Gewässern und Luft kosten viel mehr Geld als Klimaschutz, Artenschutz und Vergiftungsvermeidung. Allein die jährlichen globalen Klimaschäden sind fünfmal so groß wie die Vermeidungskosten zur Begrenzung der globalen Erwärmung auf zwei Grad. Es sind vor allem Unternehmen, die die größten Umweltschäden verursachen, wie eine Analyse des Dartmouth College zeigt. Die 111 größten Unternehmen der Welt haben im Laufe der Zeit Umweltschäden in einer Höhe von 28 Billionen Dollar (das sind 28 mit 12 Nullen) verursacht. Dabei entfällt die Hälfte der Schäden auf Konzerne wie Saudi Aramco, Gazprom, Chevron, Exxon Mobil, BP und Shell.
Nur: die Schäden hinnehmen, mit Leib und Leben bezahlen oder finanzielle Mittel für die Schadensbeseitigung einsetzen müssen die Bürgerinnen und Bürger. Die Schäden entstehen vor allem in den armen Ländern des globalen Südens, die oft gar nicht die finanziellen Mittel dazu haben, sie abzuwehren oder gar zu beseitigen. Im globalen Norden sind es die Staaten, die zur Schadenbeseitigung Steuermittel einsetzen müssen. Tatsache ist also: Die großen Unternehmen der fossilen Wirtschaft „externalisieren“ die Schäden, wie das im Fachjargon heißt, das heißt sie bürden sie anderen auf. Wir Steuerzahler werden gar nicht gefragt, wir müssen die Schäden ertragen und die Kosten für deren Beseitigung tragen, wenn sie denn überhaupt zu beseitigen sind. Das können wir uns nicht leisten.
