Hunger in der Welt: Ziemlich viel Heuchelei.

 

  „Wer mit dem Finger auf andere Menschen zeigt, zeigt mit drei anderen Fingern auf sich selbst zurück.“ Diese Kinderweisheit wird zurzeit in besonderer Weise wieder aktuell. Denn aus der Politik, auch auf dem G7-Gipfel in Schloss Ellmau, hört man den Vorwurf, der Kriegstreiber Putin sei durch die Blockade der ukrainischen Exporte verantwortlich für eine dramatische Verschärfung des Hungers insbesondere in südlichen Entwicklungsländern. Wird da nicht einiges vergessen, wofür nicht Putin, sondern vor allem Wirtschaft und Politik der westlichen Industrieländer, also vor allem der G7, verantwortlich sind?

 Tatsächlich gehört die Ukraine zu den großen Lebensmittelexporteuren vor allem von Weizen und Sonnenblumenöl. Bei Weizen lag das Land 2021 mit einem Exportwert von knapp 4 Mrd. € weltweit an 5. Stelle hinter Russland, USA, Australien und Kanada. Beim Sonnenblumenöl war 2020/21 die Ukraine Weltmarktführer mit einem Anteil von mehr als 45 %. Getreide und Öle machen wertmäßig knapp 30% der ukrainischen Exporte aus. Wenn hiervon spürbare Mengen wegfallen, weil der Export kriegsbedingt nicht oder nur eingeschränkt möglich ist, dann trifft die damit in der Regel verbundene Preissteigerung naturgemäß vor allem die ukrainischen Exporteure, aber auch die Länder, die selbst wenig von diesen Produkten anbauen, sie aber für die Ernährung ihrer Bevölkerung benötigen. So stieg der Weltmarktpreis für Sonnenblumenöl von gut 780 $ in 2019 auf über 2.000 $ im März 2022. Bei Weizen ist ebenfalls fast eine Verdreifachung der Preise festzustellen, von ca. 200 $/to in 2019 auf in der Spitze über 600 $/to im April 2022, allerdings mit spürbarem Rückgang in jüngster Zeit. Die Exporteure können oft auch mit geringeren Mengen noch stattliche Umsätze erzielen. Die Importeure dagegen müssen die hohen Preise schultern.

  Schauen wir die Importeure genauer an. Im Weltmaßstab sind die größten Importeure von Weizen Ägypten, Algerien, Indonesien, die Türkei und kurioserweise die USA, denn diese sind zugleich hinter der EU, Russland und der Ukraine einer der größten Weizenexporteure.  In den Schwellen- und Entwicklungsländern des globalen Südens sind die Ursachen für Notwendigkeit hoher Weizenimporte sowie andere Lebensmittelimporte recht ähnlich. Die lokale Landwirtschaft ist zumeist kleinbäuerlich organsiert und wenig produktiv. Große landwirtschaftliche Einheiten produzieren überwiegend für den Export in Industrieländer. Indonesien muss in großen Mengen Weizen importieren, während auf seinen Feldern durch Palmölgewinnung schwere Schäden an Mensch und Natur angerichtet werden.

  Die Folgen des Klimawandels, gehäuft auftretende Hitzeperioden, ausbleibende Niederschläge oder Starkregenereignisse tun ein Übriges. Zudem sind Weizenprodukte Grundnahrungsmittel der ärmeren Bevölkerung, die ein hohes Bevölkerungswachstum aufweist. Daher ist der Anteil der Ausgaben für Lebensmittelimporte in den weniger entwickelten Ländern seit Beginn dieses Jahrtausends spürbar gestiegen. Diese Länder müssen aktuell mehr als 28% aller Exporteinnahmen für Lebensmittelimporte ausgeben, eine Verdopplung gegenüber 2005. Industrieländer dagegen geben nur etwa 10% ihrer Exporterlöse für Lebensmittelimporte aus.

  Verschärft wird die Situation durch unfaire Handelsbeziehungen zwischen den Industrieländern und den weniger entwickelten Ländern des Südens, speziell zwischen der EU und Afrika. Einem Bericht der Welthungerhilfe zufolge liegt das vor allem daran, dass die EU den Lebensmittelexport ihrer Bauern stark subventioniert und so der Eigenproduktion der afrikanischen Länder Konkurrenz macht, die diese nicht bestehen kann. Das gilt z.B. für Geflügelprodukte, Milch und Gemüsekonserven. Die EU exportiert zu mit Steuermitteln ermöglichten Dumpingpreisen Milchpulver nach Afrika, 2016 dreimal so viel wie davor. Die heimische Milchwirtschaft bleibt auf der Strecke. Gleiches gilt für Tomaten, die in afrikanischen Ländern in großem Umfang erzeugt werden können, die aber ebenfalls zunehmend durch billiges EU-Tomatenmark verdrängt werden. Die Folgen: lokale Märkte brechen zusammen, Menschen werden arbeitslos, Flächen bleiben ungenutzt und/oder versteppen. Armut und Hunger und Migration nehmen zu.

  Daneben baut die EU zunehmend Hürden für Exporte aus der dritten Welt in EU-Länder auf. Getreide wird mit Zöllen belegt, verarbeiteter Zucker mit 300%! Wenn Obst und Gemüse aus Afrika bestimmte Preise unterschreiten, greift ein Entry-Preis-Mechanismus, der den Preisunterschied aufhebt. Schutzvorkehrungen vor Schadstoffen in den Lebensmittelimporten wirken als Handelshemmnisse. Höchstgrenzen für Schadstoffrückstände werden stärker reduziert als dies nach WTO-Regeln angemessen wäre. Sollte es also afrikanischen Farmern gelingen, in größerem Umfang Lebensmittelexporte anzubieten, werden sie mit diesen Praktiken ausgebremst. Auf Kosten der lokalen afrikanischen Fischer verschafft die EU europäischen Fangflotten Zugang zu nationalen afrikanischen Gewässern und zahlt dafür vermeintliche Entwicklungsentgelte an korrupte Politiker, die der lokalen Bevölkerung in der Regel nicht zugutekommen. Sog. Partnerschaftsabkommen, die eigentlich der wirtschaftlichen Entwicklung der Südländer dienen sollten, erweisen sich in der Praxis oft als Bumerang für die vermeintlich zu fördernden Länder. Sie verpflichten die Südländer zur Abschaffung von Importzöllen und hemmen dadurch deren Wirtschaftsaufbau statt ihn zu fördern.

  Zudem unterliegen immer mehr landwirtschaftliche Produkte den Regeln der internationalen Finanzwirtschaft. Weizen wird an Börsen gehandelt. Dort agieren aber überwiegend große Handelskonzerne und Finanzunternehmen, nicht etwa Lebensmittel-Erzeuger und –Nachfrager.  Der Markt wird dominiert von den Großhandelsunternehmen Archer Daniels Midland, Bunge und Cargill (auch ABCD-Gruppe genannt): Ihr Weltmarktanteil liegt bei 70 Prozent. Daneben spielen Spekulanten eine wachsende Rolle, die u.a. mit Termingeschäften, sprich mit Wetten auf die künftige Preisentwicklung, schnelles Geld verdienen wollen, ohne irgendeinen sachlichen Bezug zur Lebensmittelherstellung und –verwendung zu haben. Zudem locken Finanzprodukte wie Fonds andere Anleger, in die Spekulation mit Lebensmitteln einzusteigen.

 Das bleibt nicht folgenlos für die ärmeren Länder, in denen auf Grund geringer Löhne und maschineller Ausstattung die Rohstoffkosten erheblich höhere Bedeutung haben als in der industrialisierten Lebensmittelverarbeitung. Studien der Weltbank und des International Food Policy Research Institute (IFPRI) zufolge sind vor allem Finanzspekulanten für Getreidepreissteigerungen in den Jahren 2007/2008 verantwortlich. In afrikanischen Ländern stiegen die Maispreise zwischen 50 und 100%Prozent. Die Weizenpreise stiegen um 100 bis 300%. Die Zahl der Hungernden stieg um mehr als 100 Millionen und überschritt im Jahr 2009 erstmals eine Milliarde Menschen.

 Was folgt daraus für die eingangs gestellte Frage? Es ist zweifellos infam, wenn Russland die Ukraine wirtschaftlich dadurch in die Knie zwingen will, dass es den Export der wichtigsten Produkte des Landes verhindert oder zumindest massiv behindert. Menschenverachtend wird es, wenn dadurch noch mehr Menschen in der dritten Welt in den Hunger getrieben werden. Und das geschieht zweifellos aktuell auf Grund der russischen Blockaden.

 Strukturell liegt das Problem aber tiefer, nämlich in der seit Jahrzehnten stattfindenden Unterwerfung der weltweiten Nahrungsmittelproduktion unter die Interessen der Global Player aus den Länder des globalen Nordens, also vor allem der G7, deren Politiker sich beim Gipfeltreffen in Schloss Ellmau so empörten. Hier residieren die Schuldigen für extrem unfaire Wirtschaftsbeziehungen zwischen Nord und Süd. Und hier versammeln sich diejenigen, die viel zu wenig tun, um den Klimawandel zu begrenzen und die weltweiten Lebensgrundlagen der Menschheit zu schützen. Nicht die oft beschworene Beseitigung des Hungers ist hier die dominante Perspektive, sondern die eigene wirtschaftliche Unersättlichkeit.

 Gerade unter Nachhaltigkeitsaspekten ist es für die Zukunft notwendig, so viel wie möglich in die lokale und nationale Lebensmittelerzeugung zu investieren. Das gilt nicht nur wegen der extremen Transportaufwendungen durch weltweiten Versand und Verschiffung von Lebensmitteln. Es gilt vor allem, weil die kleinräumige Lebensmittelproduktion in selbständig geführten landwirtschaftlichen Betrieben Böden, umgebende Natur und Klima schützt und bewahren hilft. Die weltweit im Vormarsch befindliche industrielle Landwirtschaft auf den oft riesigen, von sonstiger Vegetation leergeräumten Flächen mit ihrer hohen Maschinisierung, Chemisierung und damit verbundenem Abbau von Arbeitplätzen dagegen ist alles andere als nachhaltig. Regionale Lebensmittelproduktion muss wieder Priorität haben und sollte nur in dem Umfang durch Ex- und Importbeziehungen ergänzt werden, wie ein Ausbleiben der gehandelten Produkte zwar zu Einbußen, nicht aber zu Hunger führt.

 David Ricardo, der geistige Vater des internationalen Handels, hat nicht deshalb für Handel geworben, um die Taschen der Reichen zu füllen. Außenhandel sollte gegenseitigen Nutzen stiften und dahin gilt es zurückzukehren: Durch Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft wird nicht nur die natürliche Vielfalt bewahrt, sondern auch insbesondere den Menschen im globalen Süden die Möglichkeit gegeben, mit ihrer Hände Arbeit dort, wo sie zuhause sind, ein auskömmliches Leben zu führen.