Die Grenzen des wachstums

 

Das Jahr 1972 gilt gemeinhin als das Geburtsjahr der weltweiten Umweltbewegung. Das liegt vor allem daran, dass in diesem Jahr das grundlegende Buch zum Thema erschien, zunächst auf Englisch unter dem Titel „The Limits of Growth“ mit dem Untertitel „Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“. Der Club wurde 1968 auf Initiative einiger Industrieller und Wissenschaftler gegründet und erregte mit diesem Buch, das er beim Massachusetts Institute of Technology in Auftrag gegeben hatte und das die deutsche Volkswagenstiftung mit einer Million DM finanzierte. In 30 Sprachen übersetzt, erreichten die „Grenzen des Wachstums“ eine Auflage von 30Mio. Stück.

 

Auch heute, fast 50 Jahre nach dem Erscheinen des Buches lohnt seine Lektüre immer noch, denn bereits in diesem Buch sind die notwendigen Schritte zu einer nachhaltigen Entwicklung der Menschheit dargestellt und es ist darauf hingewiesen worden, dass grundlegende Veränderungen der westlichen Lebens- und Wirtschaftsweise notwendig sind, um die Lebensperspektiven zukünftiger Generationen dauerhaft zu sichern.

 

Hier einige Zitate aus der deutschsprachigen Ausgabe:

 „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“ (S.17)

 „Aus diesem teuflischen Regelkreis können uns technische Lösungen allein nicht herausführen.“(S.172)

 

Die Ergebnisse der Studie basieren auf Systemmodellierungen, in die zahlreiche Einflussparameter und alternative Entwicklungskonstellationen eingeflossen sind. Die Daten wurden in ein Computermodell eingebracht, das noch heute als CD verfügbar ist. Es läuft auf jedem PC, da heutige Rechner weitaus leistungsfähiger sind als die damaligen Großrechner.

 

Insbesondere die als Prognosen interpretierten Ergebnisse der Studie bezüglich der zukünftigen Verfügbarkeit fossiler Rohstoffe sind von Rezensenten als falsch kritisiert worden. Tatsächlich haben sich die verfügbaren Vorräte als robuster und langlebiger herausgestellt, als die Studie erwarten ließ, vor allem durch die Erschließung bis dahin unbekannter Vorräte und die Wiederverwendung z.B. von Stahlschrott für neue Produkte. Auch Effizienzgewinne und andere Formen des technischen Fortschritts würden unzureichend berücksichtigt.

 

So richtig diese Detailkritik sein mag, sie lenkt ab von der grundsätzlich unbestreitbaren Tatsache der Endlichkeit vieler Ressourcen und von dem Faktum, dass der technische Fortschritt bisher stets überkompensiert wurde durch ein ihn übertreffendes Mengenwachstum (auch Rebound-Effekt genannt).Problematisch aus meiner Sicht ist die Fokussierung auf das Bevölkerungswachstum als Treiber für immer mehr Naturverbrauch. Auch heute übersteigt allein der Naturverbrauch einer wohlhabenden Minderheit aus den Industrieländern die Belastbarkeit der Erde. Die große Mehrheit der Armen trägt nur unwesentlich dazu bei. Würden alle Menschen den Maßstäben der Nachhaltigkeit entsprechend leben, dann wäre die Belastungsgrenze noch längst nicht erreicht. Zudem würde das Bevölkerungswachstum in der dritten Welt, das ja insbesondere ein Armutsphänomen ist, bei einer gleichmäßigen Wohlstandsverteilung auf verträglichem Niveau auch zum Stillstand kommen.

 

Fakt bleibt, dass die Grenzen des Wachstums schon Anfang der 70er Jahre hätten bekannt werden und Gegenmaßnahmen hervorrufen können. Tatsächlich geschah wenig, vor allem wenig wirklich Wirkmächtiges. 1973 führten Ölpreissteigerungen durch das Opec-Kartell zur sog. Ölkrise, die in Deutschland mit staatlich angeordneten „autofreien Sonntagen“ gefeiert wurde. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ließen aber sonst nahezu alles beim Alten. Diese Tatsache unseren Enkeln zu erklären, ist ebenso wenig möglich wie seinerzeit die Nazi-Gefolgschaft unserer Eltern uns unfassbar blieb. Immerhin, der Nachhaltigkeitsforschung, die es bis dahin praktisch nicht gegeben hatte, gab das Buch der MIT-Forschungsgruppe wichtige Impulse. Aber auch deren Ergebnisse, z.B. zum Klimawandel, zum Artensterben und zur Vergiftung der Weltmeere, fanden bisher viel zu wenig Handlungsresonanz.

 

 

 

 

Wir sind dran

 

Der Club of Rome wurde nach seiner Gründung 1968 im Jahr 1972 zum ersten Male in größeren Umfang der Öffentlichkeit bekannt als Herausgeber der ersten „Berichts zur Lage der Menschheit“, in dem unter dem Titel „Grenzen des Wachstums“ auf die Endlichkeit der Naturvorräte und die Begrenztheit der Erde schlechthin hingewiesen wurde. Das Buch schlug damals ein wie eine Bombe und motivierte mich wie viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sich den Fragen einer Zukunftsentwicklung innerhalb der Wachstumsgrenzen zu widmen.

  2018, zum 50. Geburtstag des Club of Rome, erschien ein neuer Report, verfasst von zahlreichen Koautoren und herausgegeben von Ernst Ulrich von Weizsäcker und Anders Wijkman, den aktuellen Ko-Präsidenten des Club. Das Buch ist ein flammender Appell für eine fundamentale Umkehr der Menschheits-Entwicklung in Richtung einer naturverträglichen Lebens- und Wirtschaftsweise. Auf fast 400 Seiten werden Vorschläge entwickelt und ausgebreitet, die kaum ein Handlungsfeld auslassen. Die Autoren weisen in Teil 1 des Buches nach, dass der heutige Lebensstil vor allem der Industrieländer alles andere als nachhaltig ist und dringend verändert werden muss. In Teil 2 entwerfen sie das Konzept einer neuen Rationalität, das die westliche Denkweise der Aufklärung durch eine neue Rationalität von Toleranz und Balance ersetzt. Schließlich stellen sie in 18 Handlungsfeldern die aus ihrer Sicht gebotenen Maßnahmen zur Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft dar. Vor allem aber wird der unaufschiebbare Charakter der gebotenen Maßnahmen unwiderlegbar untermauert. Man muss nicht alle aufgewiesenen Maßnahmen gleichermaßen notwendig finden. Insbesondere der nahezu völlige Verzicht auf Suffizienz, also auf den Verzicht auf Wachstum für die entwickelten Länder, und die Ausführungen zum Problem des Bevölkerungswachstums erfordern aus meiner Sicht eine kritische Reflexion. Dennoch liefert das Buch so viel Stoff zum Nachdenken auch darüber, was man selbst tun kann, um mehr Nachhaltigkeit zu befördern, dass es ähnlich wie der erste Report zu den Grenzen des Wachstums auf jeden Fall zur Lektüre empfohlen werden kann.

 

Die Befreiung vom Überfluss

Seit einigen Jahren wird nicht nur in Deutschland, sondern weltweit über eine sog. Postwachstumsgesellschaft diskutiert, zunächst in Kreisen der Wissenschaft, zunehmend aber auch in der gesamten Gesellschaft, vor allem im Umfeld der globalisierungskritischen und Umweltorganistionen. Dabei ist die Debatte durchaus kontrovers. Insbesondere westliche Politiker und liberale Ökonomen verteidigen das Wirtschaftswachstum  als notwendige Bedingung dafür, dass Hunger und Elend weltweit reduziert und der Wohlstand der westlichen Industrieländer globalisiert werden kann.

Fakt ist allerdings, dass es Wirtschaftswachstum in Form des Wachstums des Sozialprodukts nun bereits seit Jahrzehnten gibt, der materielle Wohlstand sich aber immer weiter auf wenige Länder und Menschen konzentriert, ja dass die Wohlstandsunterschiede eher wachsen als reduziert werden. Fakt ist außerdem - und darauf haben seit der Club of Rome Studie von 1972 viele Wachstumskritiker immer wieder hingewiesen - dass das Wirtschaftswachstum eine Fülle von ökologischen und sozialen Kollateralschäden mit sich bringt, die zunehmend an die Substanz der menschlichen Lebensgrundlagen gehen. Und Fakt ist drittens, dass immer mehr Menschen trotz wachsenden materiellen Wohlstands die Tretmühle von Arbeit und Konsum als belastend und keineswegs als beglückend empfinden.

Hier setzt das Buch von Nico Paech an: Es entwickelt auf der Grundlage einer Wachstumskritik die Alternative Postwachstum. Wirtschaftswachstum bei uns bedeutet ja auch Plünderung und Ausbeutung der sog. Dritten Welt, es schafft neue Abhängigkeiten und keineswegs nur Freiheiten. Postwachstum dagegen ermöglicht z.B. soziale Nähe, Muße und  Kreativität bei Eigenarbeit und neue Freiheiten in Form des Verzichts auf Unnötiges und Schädliches. In diesem Sinne ist Suffizienz  tatsächlich Befreiung vom Überfluss. Ein wichtiges und anregendes Buch eines der bekanntesten deutschsprachigen Wachstumskritiker. Das Buch wurde bei seinem Erscheinen 2012 von der Bildzeitung - einer nicht gerade für eine kritische Weltsicht bekannten Zeitung - in einem ausführlichen Artikel rezensiert und zur Lektüre empfohlen. Dem schließe ich mich aus vollem Herzen an.

Die geheimen Verführer

Noch ein Klassiker, diesmal einer, der auf den ersten Blick nicht viel mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Vance Packards "Geheime Verführer" handelt von der Instrumentalisierung tiefenpsychologischer Erkenntnisse und Tricks durch die kommerzielle Werbung. Das Buch erschien im Original 1957 und in deutscher Übersetzung 1958. Ich selbst habe es " erst" 1964 gelesen und war damals schwer beeindruckt. Aber man kann das Buch durchaus auch heutigen Lesern empfehlen. Denn Vance Packard ist ein amerikanischer Journalist, der eine flotte Sprache pflegt und einen Tatbestand unter die Lupe nimmt, der damals durchaus noch nicht so selbstverständlich war, wie er es heute ist. Dass Unternehmen keine Zigaretten verkaufen, sondern ein Lebensgefühl, und dass sie dabei durchaus nicht an den mündigen Käufer adressieren, dem sie die Vorzüge des beworbenen Produkts nahebringen wollen, sondern dass sie versuchen, unterhalb der Bewusstseinsebene anzusetzen, mag uns Heutigen fast schon selbstverständlich erscheinen. Mit der Anbahnung von Geschäftsbeziehungen zwischen gleichberechtigten Partnern - Anbietern und Nachfragern - hat das allerdings nichts mehr zu tun. Und so war Packard einer der ersten, die den Finger in die Wunde legten und in aufklärerischer Absicht das schiefe Verhältnis zwischen Konsumgüterindustrie und Konsumenten beleuchteten.

Wenn Manipulation eingesetzt wird, um immer mehr Waren und Leistungen zu verkaufen, kann es kaum der manipulierte Käufer sein, der dafür verantwortlich ist, dass Wohlstand landläufig gleichgesetzt wird mit der Verfügbarkeit über immer mehr Produkte.

Packard berichtet über damals spektakuläre Fälle der Verbraucher-Manipulation, die uns heute eher ein müdes Lächeln ins Gesicht rücken. Wenn man sich aber klar macht, dass es heute quasi selbstverständlich ist, uns Verbraucher immer unmündiger zu machen, indem wir als denkfähige Subjekte gar keine Rolle mehr spielen, zeigt das aus meiner Sicht die hohen Hürden auf, die wir zu überwinden haben werden, wenn wir eine nachhaltige Wirtschaftsweise etablieren wollen. Denn dazu müssen wir die emotionale Ebene zwar mit bedenken, aber vor allem die mündigen Mitbürger gewinnen, wenn es sie denn angesichts der manipulativen Umgehensweise, die auch die Wahlwerbung pflegt, überhaupt in größerer Zahl noch gibt.

 

 

Soziale Kosten der Marktwirtschaft

Lange bevor ökologische Probleme ins öffentliche Bewusstsein gelangten und politisch bearbeitet wurden, legte der 1933 vor den Nazis geflüchtete deutsche Ökonom K. William Kapp im Jahre 1950 eine erste systematische Studie über, wie wir es heute vielleicht ausdrücken würden, soziale und ökologische Kollateralschäden privatwirtschaftlichen Wirtschaftens vor und prägte dafür den Begriff "soziale Kosten". Die These: Private Unternehmen verursachen systematisch soziale und ökologische Kosten, die sie nicht selbst begleichen, sondern die von anderen, der Gesellschaft insgesamt oder künftigen Generationen getragen werden müssen. Das sind z.B. gesundheitliche Schäden ihrer Arbeitnehmer oder der Anlieger ihrer Produktionsstätten. Es ist die Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden und die Übernutzung natürlicher Ressourcen.

Nach ihrem Erscheinen wurde die damals "Social Costs of Private Enterprise" betitelte Schrift kaum zur Kenntnis genommen, obwohl sie bereits 1958 auch in deutscher Sprache veröffentlicht worden ist. 1971 brachte Kapp selbst die amerikanische Neuauflage heraus, die 1978 auch in deutscher Sprache unter dem oben genannten Titel publiziert wurde, 2 Jahre nach dem Tod des Autors. Heute gilt das Werk als Klassiker der Umweltökonomie.

Kapp belässt es nicht dabei, die verschiedenen Arten der sozialen Kosten zu benennen und mit empirischen Zahlen so weit wie möglich zu belegen. Er liefert eine ausführliche Analyse ihres Entstehens und ihrer Bedeutung. Dabei geht er - wissenschaftlicher Ökonom, der er ist - auch ausführlich auf die verschiedenen Ansätze der Mainstream-Ökonomie ein und unterzieht sie einer kritischen Würdigung. Diese Analyse mündet in einem Neuentwurf für eine sich als Sozialwissenschaft verstehende neue politische Ökonomie. Für Ökonomen und solche, die es werden wollen, eine sehr lehrreiche und erfrischende Lektüre. Für Menschen, die Nachhaltigkeit für sich selbst auf den Weg bringen wollen, vielleicht etwas zu stark wissenschaftskritisch. In jedem Fall darf das Buch auf meiner Literaturliste nicht fehlen.

dIE rÜCKKEHR ZUM MENSCHLICHEN mASS - sMALL IS BEAUTIFUL

Der Autor dieses Buches hat eine Biographie, die derjenigen William Kapps sehr ähnelt. Auch er ist deutscher Herkunft, seine Veröffentlichungen sind aber durchweg in englischer Sprache verfasst, weil er in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts vor den Nazis geflüchtet ist, in seinem Fall nach Großbritannien. Nach verschiedenen Tätigkeiten als Ökonom im britischen Staatsdienst und einer Studienreise nach Birma, wo er seine Ideen von buddhistischer Ökonomie entwickelte, veröffentlichte er 1973 das Buch "Small is Beautiful", das 1977 ins Deutsche übersetzt wurde und 2019 in der abgebildeten Neufassung bei Oekom erschien.

Dieses Buch ist also auch ein Klassiker, der damals wie heute sehr spannend zu lesen  war und ist. Schumacher legt eine fundierte Kritik der wachstumsfixierten ökonomischen Theorie und Praxis vor, der er Unmenschlichkeit, Gewalttätigkeit und Umweltzerstörung vorwirft. Wirtschaft und Technologie seien (bereits 1973!) auf dem Wege zum Gigantismus, ohne auch nur im Ansatz ihr Versprechen, das Problem der Armut vieler Menschen zu beseitigen, wirklich einzulösen. Im Gegenteil sei der Gegensatz zwischen arm und reich noch stets gewachsen. Dafür werde in Kauf genommen, dass immer weniger Menschen einer menschengerechten, zufriedenstellenden und umweltschonenenden Tätigkeit nachgehen könnten. Hier müsse eine Umkehr erfolgen hin zu einer Wirtschaft und Technologie, deren Größe und Geschwindgkeit sich an einem für den tätigen Menschen überschaubaren Maß orientiere. Hierfür prägt Schumacher den Begriff der mittleren Technologie. Auch wenn diese weniger effizient und produktiv sei, habe sie doch den eminenten Vorzug, einem größeren Teil der Menschen wieder eine wahrhaft produktive Arbeitstätigkeit zu ermöglichen. Utopisch und unrealistisch? Das erste ja, das zweite absolut nicht! In dem mir vorliegenden Buch von 1977 findet sich ein Anhang, in dem zahlreiche Fälle und Beispiele dargestellt werden, wie diese Utopie Wirklichkeit werden soll und kann, lesenswert auch dies. Vieles von dem - z.B. die fatalen Folgen der "friedlichen Nutzung" der Atomkraft und der industriellen Landwirtschaft - werden in diesem Buch bereits dargestellt und haben sich seither vielfach als zutreffend erwiesen. Zahlreiche Ansätze zur Umsetzung der Vorschläge Schumachers sind ebenfalls aktuell beobachtbar, von der solidarischen Ökonomie bis zur Öko-Landwirtschaft. Die meisten Prognosen von Mainstream-Ökonomen erweisen sich als unzutreffend. Schumachers Visionen bilden eine Ausnahme. Sehr zu empfehlen.

 

sanfte Energie - Das Programm für die energie- und industriepolitische                                               Umrüstung unserer GesellscHaft

Noch ein Klassiker aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts! 1977 in Englisch, ein Jahr darauf in Deutsch legte der amerikanische Physiker Amory B. Lovins und spätere Träger des sog. Alternativen Nobelpreises, unter dem Titel „Soft Energy Paths“ ein Buch vor, das das damals verfügbare Wissen „alternativer“ Ingenieure und Ökonomen zu möglichen Alternativen zur sog. friedlichen Nutzung der Atomenergie zusammentrug: „Ein aus allen Richtungen zusammengetragenes Dokument besteht, wie eine Wand, hauptsächlich aus Bausteinen. Ich habe etwas Mörtel und Kunstfertigkeit hinzugegeben“ heißt es im der Vorrede.

 

Zur damaligen Zeit glaubte der Mainstream fest an eine rosige Zukunft der großtechnologischen Energieerzeugung. Getrieben durch das wirtschaftliche Interesse der Energiekonzerne setzten Politik und Wirtschaft darauf, mit großen Kohle- und Atomkraftwerken Strom zu produzieren und die weltweiten Öl- und Gasvorkommen flächendeckend, also auch in Arktis und Antarktis auszubeuten, um wie es hieß – den weltweit steigenden Energiebedarf zu befriedigen und den Menschen materiellen Wohlstand zu bescheren. Nicht zuletzt befördert durch die Friedens- und Antiatombewegung setzen alternative Wissenschaftler das Konzept einer dezentralen Energiegewinnung mittel regenerativer Quellen – Wasser, Wind, Sonne, Biomasse – dagegen. Lovins trägt diese Ergebnisse zusammen und entwirft einen „Wendeplan“, der nicht nur auf der Gewinnungsseite auf Alternativen setzt, sondern große Effizienzpotentiale aufzeigt und darüber hinaus beträchtliche Einsparmöglichkeiten entwickelt, die z.B. im weitgehenden Wegfall von Transportverlusten und in der Gebäudedämmung schlummern. Dabei ist  Lovins davon überzeugt, dass es notwendig sein wird, dem Zentralisierungsmodell der Großtechnik ein dezentrales Energiesystem entgegenzusetzen, in dem die Energie weitgehend dort gewonnen wird, wo sie auch genutzt werden soll, insbesondere bei der Stromerzeugung.

 

Heute ist mit der digitalen Steuerungstechnik ein Instrument verfügbar, das es erlaubt, nicht nur zahlreiche dezentrale Erzeuger zu koppeln, sondern auch Produktion, Speicherung und Nutzung so aufeinander abzustimmen, dass eine optimale Versorgung sichergestellt werden kann. Auf großtechnologische Elemente des Energiesystems könnte weitgehend verzichtet werden, von Großspeichern, Geothermieanlagen und großen Wasserkraftwerken einmal abgesehen. Haus- und Grundbesitzer, ja sogar Mieter mit Balkonen könnten zu dem werden, was man heute „Prosumenten“ nennt. Sie könnten sowohl Strom nutzen als auch selbst herstellen. Selbst die Speicherung könnte dezentral vorgenommen werden. Nahezu alle Komponenten eines solchen dezentralen Energiesystems werden bereits in diesem Buch dargestellt, auf ihre technische Machbarkeit geprüft und als volkswirtschaftlich kostengünstiger bewiesen. Einzig das Geschäftsmodell der Energiekonzerne hätte in diesem System allenfalls noch einen Übergangsplatz.

 

Lovins projektiert die Zeitdauer des möglichen Übergangs auf ein solches „sanftes“ und dezentrales Energiesystem auf etwa 30 Jahre. Hätte man 1980 begonnen, könnte es dieses System heute bereits 10 Jahre geben. Stattdessen hat die Energiewirtschaft große Geschütze aufgefahren und Wissenschaftler beauftragt, die Unmöglichkeit der von Lovins skizzierten Energiewende „nachzuweisen“, dem die Politik leider bis heute weitgehend gefolgt ist. Diese Strategie wird von Klaus Traube, einem der deutschen Vorkämpfer der Anti-Atom-Bewegung, im Vorwort kenntnisreich als grob fehlerhaft entlarvt. Ein sehr lesenswertes Buch, das trotz seiner weiten Verbreitung noch nicht die praktische Umsetzung erfahren hat, die es und die Menschheit insgesamt verdient hätten. Noch ist es nicht zu spät….

 

Die heimlichen Kosten des Fortschritts - Wie Umweltzerstörung das wirtschaftswachstum fördert

Wachstum, Wachstum, Wachstum....

 

Das ist die Parole, hinter der sich die Wirtschaftspolitik vieler Länder einmütig versammelt und die als vorrangiges Ziel wirtschaftspolitische Aktivitäten von Regierungen und einschlägigen Verbänden bestimmt. Dass Wachstum auf Dauer die natürlichen Lebensgrundlagen gefährdet bzw. zerstört, ficht diese Akteure offensichtlich nicht an. Denn wenn sich Dellen zeigen, wenn das Wchstum schwächelt oder gar ausbleibt, dann werden alsbald Schreckensszenarien gemalt und dringende Aufforderungen zu politischen Wachstumsimpulsen formuliert: Kaufprämien für Autos, Steuererleichterungen für Unternehmen usw.

 

Wirtschaftswachstum wird üblicherweise gemessen als Wachstum des sog. Sozialprodukts, das die Summe aller Wirtschaftsleistungen einer Volkswirtschaft darstellt, die Summe all dessen, was in einem bestimmten Zeitraum in einem Land für Geld ver- und gekauft worden ist.Statistische Details mögen hier unbeachtet bleiben.

 

Dieser Wert sei ein Maß für das wirtschaftliche Wohlergehen eines Landes, so heißt es. Aber stimmt das wirklich? Christian Leipert hat bereits 1989 nachgewiesen, dass es nicht stimmt, sondern dass vielmehr zahlreiche Käufe und Verkäufe in diesen Wert eingehen, die keineswegs das Wohlergehen der Menschen steigern, sondern die im Gegenteil als Defensivkosten zu bezeichnen sind, die die durch wirtschaftliche Aktivitäten verursachten Schäden und Verschlechterungen der Lebens- und Umweltbedingungen in einem Land kompensieren müssen. Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten z.B. erfordern ärztliche Hilfe, die als vergütete Leistungen im Soztialprodukt ebenso enthalten ist wie die Kosten für die Beseitigung von Umweltschäden. Und diese machen nach Berechnungen des Autors bereits im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland mehr als 12% des Sozialprodukts aus. Und darin sind die Kosten z.B. für Umweltschäden noch gar nicht enthalten, die erst nachfolgende Generationen in Rechnung gestellt bekommen, weil sie aktuell hingenommen und nicht vermieden werden. Wir rechnen uns wohlhabend, obwohl Schadensbeseitigungskosten alles andere als unseren Wohlstand erhöhen. Und wir fördern ein Wachstum, das ohne Beachtung des sachlichen Inhalts alle Leistungen als wohlstandsfördernd ausweist, die für Geld an den Mann oder die Frau gebracht werden konnten.

 

Die amtliche Statistik hat angemessene Konsequenzen aus Leiperts Analyse gezogen und diverse sozial-ökologische Ergänzungsrechnungen vorgelegt. Die offizielle Wirtschaftspolitik aber orientiert sich noch immer an diesem schiefen Indikator. Hier ist Umkehr dringend geboten. Auch dieses Buch lässt erkennen, dass es nicht an hervorragenden Analysen fehlt, sondern an der Bereitschaft von Politik und Wirtschaft, daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Wir schreiben immerhin das Jahr 2020!

Ein Planet wird vergiftet – Der Siegeszug der Chemie: Geschichte einer Fehlentwicklung

Die Produkte der Chemischen Industrie sind aus unserem Alltag wie aus vielfältigen Produktionsprozessen in Industrie und Landwirtschaft nicht mehr wegzudenken. Waren es zu Beginn der industriellen Revolution zunächst chemische Hilfsstoffe für die Textilbearbeitung, die in größeren Mengen von der Textilindustrie benötigt wurden, so ist es heute eine schier unüberschaubare Zahl von Chemikalien – von Gasen über Farben bis hin zu Kunststoffen und Pflanzenbehandlungsstoffen – die in allen Teilen der Welt erzeugt und genutzt werden. Dies hat zwar vieles ermöglicht, das unser Leben bunter und bequemer gemacht hat. Es hat aber auch dazu geführt, dass heute fast mehr Plastik in den Weltmeeren schwimmt als Fische, dass Böden in großem Umfang kontaminiert und ohne weitere Chemie unfruchtbar geworden sind und dass Luftschadstoffe in immer größerem Umfang Schäden anrichten. Die Chemie hat „den Planeten vergiftet“, wie es der Titel des 1992 von Karl Otto Henseling verfassten Buches ausdrückt.

 

Der Autor charakterisiert die Entwicklung der chemischen Industrie als einen Prozess der möglichst kompletten Verwandlung diverser fossiler Grundstoffe in eine ständig wachsende Zahl nicht in der Natur vorfindlichen synthetischen Stoffe und damit über kurz oder lang in Abfall, dessen Entsorgung nahezu unmöglich ist und der daher kaum beherrschbare ökologische Folgen nach sich zieht. Er entfaltet die Geschichte der Chemie, beginnend bei Soda über Petro-, Stickstoff- und Chlorchemie bis hin zur Chemisierung der Landwirtschaft. Dabei arbeitet er sowohl die Probleme heraus, die bei der Gewinnung und Aufarbeitung der Grundstoffe in Form zunächst unerwünschter Kuppelprodukte entstehen, die oft als Abfälle in Gewässer oder in die Luft eingeleitet werden und dort Schäden verursachen. Mindestens ebenso problematisch sind aber die Folgen der so erzeugten Produkte selbst, wie z.B. der in der Landwirtschaft massenhaft eingesetzten Herbizide, Fungizide und Insektizide, die natürliche Nährstoffkreisläufe zerstören und erheblich zum Artensterben beitragen.

 

„Sanfte Chemie“ lautet das Schlagwort, in dem Henseling die Zukunfstperspektiven der Chemie bündelt: „Galt bisher die Umwandlung möglichst großer Rohstoffmengen in vermarktbare Produkte (und damit letztlich in Müll) als Erfolgsrezept der Chemie, so gilt es in Zukunft, die gesellschaftlichen Bedürfnisse mit einem minimalen Aufwand möglichst wiederverwertbarer und umweltverträglicher Stoffe zu befriedigen.“ Wenn man nur einmal an die Vermüllung der Weltmeere mit Mikroplastik und an Glyphosat denkt, ist in den knapp 30 Jahren seit dem Erscheinen dieses auch heute noch sehr lesenswerten Buches ist nicht sehr viel davon umgesetzt worden. Eher im Gegenteil.

 

Damit gutes Leben einfacher wird - Perspektiven einer Suffizienzpolitik

Auf dem vorläufigen Höhepunkt der Corona-Pandemie in Europa haben wir unfreiwillig deutliche Einschränkungen unserer Konsumgewohnheiten erlebt. Eben mal durch ein Einkaufszentrum bummeln und ein paar Klamotten kaufen war von heute auf morgen nicht mehr möglich. Viele haben das offenbar als Zumutung erlebt und dagegen auf Demonstrationen heftig opponiert. Andere haben – abgesehen von existentiellen Sorgen über die eigene wirtschaftliche Zukunft – die damit verbundene Besinnung auf sich selbst und auf die Frage danach, was wirklich wichtig ist, als durchaus angenehmen Anstoß zur Entschleunigung wahrgenommen. Sie haben erlebt, dass Weniger durchaus in mancher Hinsicht mehr sein kann.

 Auch im Zusammenhang mit dem Thema Nachhaltigkeit wird immer wieder das Weniger beschworen. Suffizienz sei dringend geboten, weil wir mit unserem derzeitigen Lebensstil unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören. Dabei wird allerdings Suffizienz zumeist als individuelle Aufforderung verstanden. Jede*r Einzelne solle sich fragen, wie sie*er dem Überflusskonsum entrinnen und dadurch ein gutes bescheidenes Leben gewinnen könne.

Anders die Autorin und der Autor des vorliegenden Buches. Sie konstatieren, dass heute das eigene Konsumniveau absenken vor allem gegen den Strom schwimmen bedeutet, weil alle politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf Wachstum und Beschleunigung drängen. Wer sich bescheidet, ist Rebell oder Looser. Und das wollen die wenigsten sein. Also müssten die Rahmenbedingungen verändert werden, damit Suffizienz für eine größere Zahl von Menschen lebbar werden kann.

 Die geforderte Suffizienzpolitik siedeln sie nicht nur im Bereich der Ordnungspolitik an, die ein umfassenderes Wohlstandsmaß entwickeln müsse und durch Wettbewerbs-, Struktur- und Verteilungspolitik den nötigen Rahmen setzen muss. Sie fordern zudem politische Orientierung, Gestaltung und Ermöglichung in den Bereichen Arbeits-, Bildungs-, Gesundheits- und Verbraucherpolitik. Dabei sehen sie nicht nur die staatliche Politik gefordert, sondern auch Unternehmen und Zivilgesellschaft.

 Das Buch wurde 2013 veröffentlicht, errang Aufmerksamkeit in der einschlägig befassten wissenschaftlichen Community, initiierte einen Internet-Blog zum Thema Postwachstum. Die notwendige breite publizistische und politische Resonanz blieb ihm verwehrt. Es musste erst Corona kommen, damit eine größere Zahl von Menschen zum Nachdenken über Bescheidung und Befreiung vom Überfluss angestoßen wurde. Immerhin, ein lesenswertes Buch für diejenigen, die Suffizienz nicht nur persönlich leben, sondern auch politisch mitgestalten wollen.

 

das Risikoparadox - wrum wir uns vor dem falschen fürchten

Die „German Angst“ ist sprichwörtlich. Wir Deutsche gelten als Schisser, mindestens aber als Bedenkenträger sonders gleichen. Ob es BSE, die Schweinegrippe, EHEC, die angeblich immer steigende Kriminalität oder eine drohende wirtschaftliche Rezession sind: ein beträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung äußert Angst im Zusammenhang mit diesen Phänomenen. Und die Boulevardpresse tut stets noch eins drauf: „Der Tod steckt in der Mikrobe“, „21Tote bei McDonalds“, „Wann hört das Morden endlich auf?“ sind nur einige der einschlägigen Titelzeilen der größten deutschen Tageszeitung. Andere Phänomene dagegen, denen eine Mehrheit der einschlägig befassten Wissenschaftler erhebliches Bedrohungspotential nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt attestiert, scheinen kaum entsprechende Befürchtungen bei den Menschen hervorzurufen: Klimawandel, Artensterben, Ressourcenknappheit oder die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich, national wie global.

 

Der international bekannte Risikoforscher Ortwin Renn hat zu diesem Thema ein hochinteressantes, allerdings auch mit über 600 Seiten sehr umfangreiches Buch vorgelegt, zu dem ein umfangreicher Verweis- und Ergänzungsapparat im Internet verfügbar ist (http://www.fischerverlage.de/buch/9783596198115). Darin untersucht er das eingangs skizzierte Phänomen und weist nach, dass die klassischen Erscheinungen, die uns Angst machen, unsere Angst in den meisten Fällen nicht verdienen, während die von ihm sogenannten „systemischen Bedrohungen“ uns zwar nicht in Angst versetzen müssen, wohl aber unsere Aufmerksamkeit und unser abwehrendes Handeln dringend benötigen. „Das Buch ist für alle geschrieben, die sich risikomündig verhalten wollen“ (S.31). Der Autor will also seine Leser befähigen, Risiken solide zu beurteilen und falsche Einschätzungen zu vermeiden.

 

In Deutschland und anderen sog. entwickelten Ländern auf der Autobahn tödlich zu verunglücken, einem Terroranschlag zu erliegen oder an Infektionskrankheiten zu sterben, all diese angstbesetzten Erscheinungen sind in ihrem Eintreffen in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer unwahrscheinlicher geworden. Die mit Abstand bedeutsamsten Todesursachen sind mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs zwei Phänomene, die zu einem beträchtlichen Teil durch vorsorgenden Lebenswandel vermieden oder erheblich reduziert werden könnten. Die weitaus meisten Unfälle passieren im privaten Haushalt, nicht am Arbeitsplatz oder im Straßenverkehr, könnten also ebenfalls durch persönliche Bedachtsamkeit auf ein Minimum beschränkt werden. Mord und Totschlag kommen wesentlich weniger häufig vor, als uns die Boulevardpresse glauben machen will. Pro 100.000 Einwohner gibt es jährlich etwa 3 Mord- oder Totschlagsopfer, aber 12 Suizide. Es ist überwiegend das eigene Handeln, das uns bedroht, nicht etwa Fremdverschulden, so sehr die Selbstmordmotive auch in gestörten sozialen Beziehungen zu suchen sein mögen.

 

Risiken dagegen, die schleichend daherkommen, die sich unserer direkten Wahrnehmung dadurch entziehen, dass wir sie zumeist weder sehen noch schmecken oder riechen können, und die auch in den publizistischen Medien, weil sie nicht spektakulär oder skandalisierbar sind, kaum in den Vordergrund gerückt werden, beachten wir viel zu wenig. Dass der Klimawandel in den nächsten Jahrzehnten gravierende Folgen für uns alle haben wird und dann möglicherweise durch unser Handelns nicht mehr zu stoppen sein wird, schert viele von uns kaum. Da mögen Wissenschaftler noch so deutlich warnen. Wer schert sich wirklich um den Verlust der Urwälder oder das Artensterben? Wen in Europa interessieren wirklich die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen in Afrika oder in Bangladesch. Auch dies sind Phänomene, die sich unserer Wahrnehmung jenseits einzelner Medienberichte nicht so aufdrängen und uns daher nicht so nahegehen wie ein Terroranschlag, der tagelang die Medien beherrscht.

 

Der Autor beleuchtet die Ursachen für die signifikante Überschätzung „direkter“ Risiken und die Geringschätzung globaler ökologischer und sozialer Risiken. In einem kompakten Fazit gibt er schließlich auch Antworten auf Fragen, wie wir individuell und gesellschaftlich nicht nur eine angemessene Risikoeinschätzung entwickeln, sondern auch den „echten“ Risiken so begegnen, dass wir ihr Schädigungspotential so weit wie möglich verringern oder sogar beseitigen können. Auch wenn es seinen Lesern ein gehöriges Lesepensum aufbürdet, zumal denen, die auch die weiterführenden Quellenangaben, Erläuterungen und Texte studieren wollen: Ein sehr lesenswertes Buch!

 

Des Menschen Wolf - Wie die Herrschaft der Geldökonomie unser Leben zerstört und was wir dagegen tun können

Klappentext:

Kapitalismuskritik ist wieder salonfähig geworden. Ob es die Heuschrecken-Hedgefonds sind, die Top-Manager der großen Konzerne oder die Investmentbanker – sie sind beinahe täglich im Visier der medialen Kritik oder der Party-Smalltalks: als geldgeil, gierig und geizig. Unberechtigt ist diese Kritik nicht. Aber für viele von uns sind immer nur die anderen schuld. Dabei sind die „Kritiker der Elche“, wenn auch meist in deutlich kleinerem Umfang, genau besehen „selber welche“. Wir alle, Arbeitgeber wie Arbeitnehmer, Unternehmer wie Konsumenten, Politiker und Bürger, handeln oft genau wie diejenigen, die wir so gern kritisieren. Der fiktive Homo Oeconomicus, der Wirtschaftsmensch, den die Ökonomie sich ausgedacht hat, um damit wirtschaftliches Handeln vermeintlich besser erklären zu können, ist längst in uns Realität geworden: Wir haben gelernt, eindimensional geldorientiertes Handeln als Gebot wirtschaftlicher Vernunft zu begreifen. Überall hat der geldgesteuerte
Marktmechanismus Platz gegriffen. Auch das Primat der an sachlichen Zielen orientierten
Politik verliert zunehmend an Geltung. Dabei ist es genau dieser Handlungstypus, der die zahlreichen externen Effekte mit sich bringt, die wir berechtigterweise beklagen: soziale Disparitäten innerhalb und zwischen verschiedenen Ländern, übermäßiger Ressourcenverbrauch, Klimawandel, gesundheitliche Beeinträchtigungen am Arbeitsplatz, Kinderarbeit... Und wir selbst tragen durch unser tägliches Handeln dazu bei, dass diese Probleme nicht etwa gelöst werden, sondern sich immer weiter verschlimmern. Das vorliegende Buch hält dem Fleisch gewordenen Wirtschaftsmenschen den Spiegel vor. Es macht sein Handlungsmuster als irrational erkennbar, deckt die dabei in Kauf genommenen Kollateralschäden auf und belegt sie, wo immer möglich, statistisch. Und es entwickelt Alternativen. Denn es sind nicht die Zwänge des Marktes, die uns keine Wahl lassen, als nur aufs Geld zu schauen. Wir sind mit der Fähigkeit begabt, mehrdimensional zu denken. Wir können die verschiedenartigen Folgen unseres Tuns bedenken, bevor wir handeln. Wir müssen die Herrschaft der Geldökonomie beenden und dem Geld wieder den Status des nützlichen Helfers zuweisen. Nur dann können wir ein gutes Leben für möglichst viele Menschen erreichen.

 

Leseprobe

In der Marktwirtschaft werden nicht nur die reinen Finanzgeschäfte, sondern auch die Produktion und Konsumtion der sachlichen Güter und Leistungen, derentwegen wir eigentlich wirtschaften, von der Geldökonomie beherrscht. Es sind überwiegend finanzielle Größen, die unsere wirtschaftlichen Entscheidungen bestimmen, und es ist die Mehrung des Geldes auf der einen und das Einsparen von Geld auf der anderen Seite, die unser wirtschaftliches Handeln antreiben. Die Ökonomie liefert uns die Rechtfertigung für dieses Handlungsmuster, ja sie fordert uns geradezu dazu auf, ihm zu folgen, denn sie erklärt es für ein Gebot wirtschaftlicher Rationalität, derart eindimensional zu agieren. Und wer will schon nicht vernünftig wirtschaften?

 

Tatsächlich ist es alles andere als vernünftig: Indem wir den realen Sinn des Wirtschaftens hintenanstellen, vergeben wir uns die Möglichkeit, die Dinge und Leistungen, die wir zum Leben brauchen, so zu gestalten und so herzustellen, dass ihre Produktion und ihr Gebrauch die an sie gerichteten qualitativen Anforderungen für möglichst viele Menschen möglichst gut erfüllen. Zudem wird uns der Blick auf die Nebenfolgen für Natur und Gesellschaft verstellt, die wir mit der Produktion und der Nutzung dieser Güter und Leistungen bewirken. Positive Nebenfolgen werden vermieden, weil sie von möglichen Trittbrettfahrern unentgeltlich genutzt werden können. Negative Nebenfolgen werden in Kauf genommen, weil sie vermeintlich nur andere betreffen. Tatsächlich sind es genau diese nicht vermiedenen negativen Nebenfolgen, die unser aller natürlichen Lebensgrundlagen und den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft national wie international gefährden.

 

Dabei ist es nicht die Geldökonomie als solche, die diese Wirkungen mit sich bringt. Geld als Tauschmittel der Marktwirtschaft hat sich über viele Jahrhunderte bewährt. Es ist die im Zuge ihrer Globalisierung entstandene Totalität, mit der sie sich alle Lebensbereiche unterworfen hat, mit der sie alle Akteure erfasst hat und in Dienst nimmt, die Vieldimensionalität des wirklichen Lebens ausblendet und so zerstört, was sie eigentlich bewirken soll: möglichst vielen Menschen bei ihrem Streben nach einem guten Leben hilfreich zu sein.

 

Die Geldökonomie muss wieder in den Stand eines Dieners des Wirtschaftens zurückgeführt werden. Das kann nicht allein dadurch geschehen, dass die Rahmenbedingungen geändert und die Märkte einer wirksameren politisch-rechtlichen Regulierung unterworfen werden, frei nach dem Motto der Staat bzw. die internationale Staatengemeinschaft müssen es richten. Alle Akteure müssen dazu ihre Beiträge leisten. Konsumenten, Produzenten und Politiker müssen ihre sozialen Rollen so wahrnehmen, dass sie nicht nur auf die finanziellen Wirkungen ihres Handelns schauen und sich an diesen ausrichten, sondern dass sie mit bedenken, was sie an weiteren realen Folgen bewirken. Sie müssen Schäden so weit wie möglich vermeiden und dem monetären Kalkül wieder Grenzen setzen. Nur so werden sie selbst, alle heute Lebenden und auch künftige Generationen in die Lage versetzt, ein gutes Leben auf der Basis dauerhaft funktionstüchtiger ökologischer Systeme zu führen.

 

 

Rezensionen (Auswahl, gekürzt):

 

Freimann hat nicht nur die vielgescholtene Finanzindustrie im Visier, die durch die Erfindung zwielichtiger neuer Wertpapiere die Weltwirtschaft ins Wanken gebracht hat. Fast alle Lebensbereiche seien inzwischen vom Gedanken der Gewinnmaximierung und Kostenreduktion durchdrungen. Das gelte beispielsweise für die Unternehmen. Von denen wirtschafte nur ein sehr geringer Teil nachhaltig und vorausschauend. Aber auch die Konsumenten machten es mit einer häufig verbreiteten "Geiz ist geil"-Mentalität nicht besser. "Das Geld gewinnt die Gewalt über uns, indem wir uns ihm unterwerfen", sagt Freimann. Die Politik wird nach Ansicht des Wissenschaftlers ihrer Steuerungsaufgabe nicht gerecht. "Politiker dürfen sich nicht dem Diktat der Finanzwelt unterwerfen, was sie jetzt aber tun", erklärt Freimann. In allen Bereichen sei daher ein Umdenken in Richtung auf mehr Lebensqualität und Nachhaltigkeit nötig. Er plädiert: "Wir können und müssen bei uns selber anfangen". (Hessisch Niedersächsische. Allgemeine 23. 12. 2013)

 

In seinem neuen Buch legt Jürgen Freimann eine wuchtige Kritik am Ökonomismus vor. In bestechend klarer Sprache und mit spitzer Feder geschrieben analysiert er schonungslos offen, wie die Herrschaft der Geldökonomie mittlerweile unser Leben zerstört. Allerdings bleibt er nicht in der Analyse eines beklagenswerten Status quo minus stehen. Auf wohltuend anschauliche und allgemein verständliche Weise zeigt er Alternativen, was wir alle dagegen tun können, und er formuliert dazu beispielhaft einfache, aber treffsichere Handlungsempfehlungen, als Arbeitgeber und Arbeitnehmer, als Unternehmer/Produzent und Konsument sowie als Politiker und Bürger. (Ralf Isenmann, Ökologisches Wirtschaften 4/2014)

 

»Geld regiert die Welt.« Dieses Credo scheint das Denken und Handeln der Menschen zu bestimmen. Die Kunstfigur »Homo oeconomicus« ist mutiert zum Fleisch gewordenen Wirtschaftsmenschen. Konsumenten wie Produzenten, Politiker und Bürger, Medien und Öffentlichkeit unterliegen der Vorstellung, geldorientiertes Handeln sei das Gebot wirtschaftlicher Vernunft. Jürgen Freimann analysiert die Folgen der geldgesteuerten Ökonomie: soziale und ökologische Konflikte, ungebremster Verbrauch natürlicher Ressourcen, der weitgehend verdrängte Klimawandel und ausbeuterische Produktionsbedingungen, denen Menschen und Natur ausgeliefert sind. Freimann nennt auch die Ursachen dieser Entwicklung. Zentral sei der Wunsch, sich die Warenwelt möglichst billig anzueignen. Die damit verbundenen Kollateralschäden blendeten die meisten Menschen unserer Überflussgesellschaft aus. Freimann zeigt die Auswege aus dieser Sackgasse. Wirtschaftliches Handeln ist mit Verantwortung für Gesellschaft und Natur eng verbunden. Wir alle sind aufgefordert, die Folgen unserer Entscheidungen zu bedenken.
Für den Autor ist dies eine zentrale Herausforderung, um die Wirtschaft in vernünftige Bahnen zu lenken und möglichst vielen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen. (Werner Wild, BUND Magazin 2/2014)

 

Was die Veröffentlichung auszeichnet, ist, dass sie weder eine weitere Variante der betriebswirtschaftlichen Lehrbuchökonomie darstellt noch dem moralisch verein­fachenden Gutmenschen-Lager zuzurechnen ist. Dies wird bereits an der Gliederung bzw. an der inhaltlichen Schwerpunktsetzung der acht enthaltenen Kapitel deutlich: Zunächst stellt Freimann seine Überlegungen „In Kürze vorab“ vor und fragt daran anknüpfend, ob man tatsächlich dem „Zwang der Verhältnisse“ ausgesetzt sei. In den nächsten drei Kapiteln setzt er sich mit den Akteurgruppen „Konsumenten“, „Produ­zenten“ und „Politiker“ auseinander, um dann „Konflikte und Koalitionen“ zu erörtern, die zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zwischen Unternehmen und Konsumenten, aber auch zwischen Politikern und Konsumenten möglich sind. Nach einem kurzen Exkurs über das Verhältnis zwischen „Geldökonomie und Real­ökonomie“ schließt Freimann seine Ausführungen mit dem Plädoyer „Homo Sapiens statt Homo Oeconomicus“ ab. Die verständlichen, angenehm zu lesenden 180 Seiten werden mit Quellenangaben abgerundet; diese umfassen u. a. auch einige nicht-kommerzielle Internetseiten, die interessante aktuelle Informationen und pointierte Meinungen zum Thema enthalten. Freimann möchte mit seiner Publikation eine breite, nicht ökonomisch vorgebildete Leserschaft ansprechen. Doch das ist aus unserer Sicht „zu kurz gesprungen“: Es stimmt wohl, dass ein ökonomischer Laie mit Hilfe des Buchs in das betriebswirt­schaftliche Denken hineingeführt wird. Doch dadurch, dass der Autor dieses Denken zugleich kritisch hinterfragt, ist der „ökonomisch Gebildete“ gleichermaßen ange­sprochen. (A. Fischer/G.Gerdsmeier, bwp online 2014)

 

Das Buch ist 2013 im Metropolis Verlag Marburg erschienen und nach wie vor in Print- und Digitalversion im Buchhandel und beim Verlag erhältlich.

 

Das Märchen vom gerechten Markt - wie wir den homo oeconomicus überwinden können

Klappentext

Bis zum Herbst 2016 waren CETA, TTIP und Co in aller Munde. Tausende Menschen protestierten gegen die sogenannten Freihandelsabkommen, aber die politisch Verantwortlichen hielten  beharrlich an ihnen fest. Seit Donald Trump ist alles anders. Mit seiner Parole „America First“ scheint er das Ende des weltweiten Freihandels einzuläuten. Sollte der nationalistische Populist mit dem roten Schlips am Ende der neue Held der Globalisierungskritiker sein?
Weit gefehlt, meint Jürgen Freimann. Zwar will Trump Mauern bauen und Strafzölle einführen, aber auch Unternehmenssteuern senken, Umweltschutz abbauen und die Banken wieder zu ungezügelten Spekulationen berechtigen. Damit befördert Trump das neoliberale Mantra: Noch mehr Markt, noch weniger Zivilgesellschaft und Staat. Und die Verantwortung dafür liegt nicht nur
bei den Politikern.
Freimann zeigt, wie wir mit unseren ganz gewöhnlichen Konsum-, Arbeits- und Lebensweisen an der Umsetzung dieser ökonomischen Logik beteiligt sind. Er beschreibt, welche Auswirkungen die neoliberale Ideologie für Menschen, Gesellschaften und Staaten hat und fragt nach den Alternativen. Auch danach,was wir selbst dazu beitragen können, dem gefräßigen Markt Grenzen zu setzen.

 

 

Leseprobe

Märkte, so hören wir immer wieder, führen zu Win-Win-Situationen. Das klingt gut: Alle gewinnen, Anbieter wie Nachfrager. Märkte fördern den Fortschritt und ermöglichen Menschen den Zugang zu Gütern und/oder Leistungen, auf die sie ohne Märkte verzichten müssten. Das kann so sein, muss aber nicht. In der Regel ersetzen Märkte andere, nicht marktliche gesellschaftliche Arrangements, so insbesondere Formen der Selbstversorgung oder der solidarischen Versorgung in nachbarschaftlichen Strukturen.

 Märkte wurden und werden gemacht. Die Macher sind in der Regel aber nicht wir Verbraucher. Es sind am Anfang oft sehr wenige Anbieter, die Märkte schaffen, weil sie sich davon finanzielle Vorteile versprechen. Märkte werden nicht gemacht, um die Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen. Ziel ist es vielmehr, einen kaufkräftigen Bedarf zu wecken. Zumeist ist erst das Angebot da. Es kann nur bestehen, wenn es auf Kunden trifft, die bereit und in der Lage sind, das Angebot anzunehmen und dafür den geforderten Preis zu bezahlen. Dann etabliert sich der Markt. Es finden sich mehr und mehr Nachfrager. Oft kommen dann weitere Anbieter hinzu, die ebenfalls von der geweckten Nachfrage und der Zahlungsbereitschaft profitieren wollen.

 Märkte werden, wie wir gesehen haben, nicht nur von Unternehmen gemacht. Oft ist es die Politik, die eigenes Terrain aufgibt, um es privaten Anbietern zu überlassen. Zwar wurden insbesondere im 20. Jahrhundert zahlreiche Leistungen auf den Staat übertragen, weil man der Auffassung war, dass er unter sozialen Gesichtspunkten das bessere und von allen Bürgern auch bezahlbare Angebot erbringen könne. Daneben gründeten sich – etwa aus der Arbeiterbewegung heraus – Selbsthilfevereinigungen beispielsweise in Form von Wohnungsbau- oder Konsumgenossenschaften, die ein breites bezahlbares Angebot für alle schufen. Der Sozialstaat wurde auf- und ausgebaut, zumindest in Europa.

 Seit den 1980er-Jahren hat sich diese Entwicklung jedoch umgekehrt. Privat und Markt können es besser, lautet seither die Devise. Der Staat ist auf dem Rückzug. Er gibt eigene Angebote auf, lässt private Konkurrenz zu oder schafft die Voraussetzungen dafür. Die Folge: „neue“ Märkte mit allem, was dazugehört, dominiert von privaten Anbietern. Wo wir uns einst als Bürger ohne großen Aufwand und zu bezahlbaren Preisen versorgen konnten, die nicht selten sozial gestaffelt waren (vereinzelt trifft dies heute noch auf einige Angebote der Deutschen Bahn zu), herrschen heute Vielfalt und Unübersichtlichkeit. Manchmal sind die Preise tatsächlich gesunken und üben einen Sog zu immer mehr Konsum aus. Manchmal ist das Gegenteil der Fall. Vielleicht kann man am Gebiss der Menschen bald wieder ablesen, dass sie arm sind.

Auf den Märkten herrscht Konkurrenz zwischen verschiedenen Anbietern. Das soll zu fairen Preisen führen. Das bleibt aber nicht immer so. Oft verschwinden Anbieter auch wieder vom Markt. Sie verlieren im Wettbewerb, werden von Konkurrenten aufgekauft oder gehen in Konkurs. Dann bleiben nur wenige übrig – weniger Konkurrenz ist die Folge. Nicht selten verständigen sich mehrere Anbieter auch darauf, zusammenzuarbeiten anstatt zu konkurrieren. Zwar ist das gegen die Regel und wird auch vom Gesetz verfolgt, findet aber trotzdem immer wieder statt.

Märkte schaffen Vielfalt, sei es zum Nutzen oder zum Schaden der Nachfrager. Auf den ersten Blick ist Vielfalt gut. Menschen sind verschieden, also ist ein unterschiedliches Angebot zu begrüßen. Manchmal ist Vielfalt aber auch mühsam und lästig. Sie fordert von uns, dass wir uns einen Überblick verschaffen, an dem die Anbieter aber gar nicht interessiert sind. Sie vernebeln Informationen mit blumigen Werbeaussagen, die oft nicht so ganz der Wahrheit entsprechen. Verlässliche Informationen gibt es an Märkten nur von neutralen Beobachtern und Ratgebern, etwa von gemeinnützigen Verbraucherorganisationen. Aber auch die sind oft gar nicht so neutral und unabhängig von den Anbietern, wie man zum Beispiel von den Internet-Vergleichsportalen weiß.

 Vor allem sind Märkte inzwischen überall. Damit dominiert Konkurrenz statt Solidarität. Es besteht nicht selten eine Übersättigung auf der einen, Mangel auf der anderen Seite. Nicht Bedürfnisse zählen, sondern Kaufkraft. Wir Bürger mutieren zu bloßen Konsumenten. Wir versuchen, so viel Geld wie möglich zu verdienen, um als kaufkräftige Nachfrager in der Marktgesellschaft bestehen zu können. Die Welt der Märkte hat von uns Besitz ergriffen. Wenn wir dieser Entwicklung Einhalt gebieten wollen, müssen wir handeln – gemeinsam und jeder für sich.

 

Rezensionen (Auswahl, gekürzt)

 Der Markt, so hören wir immer wieder, führt zu Gewinnern auf allen Seiten. Aus dem Spiel aus Angebot und Nachfrage erwachse Fortschritt, vielen Menschen werde erst durch den einsetzenden Preiskampf überhaupt der Zugang zu bestimmten Gütern gewährt. So weit die Lesart des dominanten Marktfundamentalismus. Die Rede ist vom Homo oeconomicus; der nutzenmaximierende rationale Mensch, der mit anderen nur nach Abwägung aller Vor- und Nachteile interagiert. Welche Spuren dieses Dogma in unseren Köpfen bereits hinterlassen hat, zeigte die marginale Kritik an Angela Merkels Plädoyer für eine „marktkonforme Demokratie“ – die Menschen haben demnach der Ökonomie zu dienen und nicht andersherum.

In diese Kerbe sticht das neue Buch Jürgen Freimann. Das Märchen vom gerechten Markt nennt der Gründer des Studiengangs Nachhaltiges Wirtschaften an der Uni Kassel das dominante Wissen um schlanke Staaten und deregulierte Märkte im Dienste des Gemeinwohls. Freimann legt ein kluges Buch zu wichtigen Fragen vor: Wie gerecht ist der Markt? Wer profitiert wirklich? Wie kann es heute noch gelingen, Marktstrukturen zu überwinden? Dabei gelingt es ihm, einen akademischen Diskurs aus den Sphären ökonomischer Theorie in die Arena des alltäglichen Handelns zu verlegen. (Jonas Weyrosta, Der Freitag 26/2017)

 

"Der Markt" ist alles andere, aber nicht das, was die lobpreisenden Anbeter "des Marktes" behaupten. Deswegen ist der Ausflug des Wirtschaftswissenschaftlers der Universität Kassel, Prof. Dr. Jürgen Freimann, (in die Geschichte des Marktes) so wichtig. Denn wenn man weiß, wann und warum Märkte gegründet wurden und welche Funktion sie erfüllten, dann versteht man auch, wie all jene heute lügen und Märchen und Fakes erzählen, die das Lied vom alles regelnden Markt singen. Dann versteht man sogar irgendwie, warum es Leute wie Trump und Le Pen nach oben spült, berauschte Engländer für einen Brexit stimmen und die EU-Kommission immer noch so tut, als wäre sie ein demokratisch agierendes Regierungsorgan. Was sie nicht ist.

Eigentlich hätte nicht der Untertitel „Wie wir den homo oeconomicus überwinden können“ aufs Cover gehört, sondern eher etwas wie „Warum TTIP, CETA und Co. unsere Welt in ein Irrenhaus verwandeln werden“. Denn dass Trump und seine Artverwandten überall triumphieren, das hat mit dem falschen Denken hinter dem zu tun, was seit 30, 40 Jahren von neoliberalen Lobbyisten als „der Markt“ angepriesen wird.(Ralf Julke, Leipziger Internetzeitung 5.5. 2017)

 

 

Das Buch ist 2017 im Tectum Verlag Marburg erschienen, als er noch nicht vom Nomos Verlag Baden-Baden übernommen worden war, und trotz dieser Übernahme immer noch im Buchhandel in Print- und Digitalfassung erhältlich.

 

Kommentar in eigener Sache

Ein Buchautor möchte natürlich, dass seine Bücher gelesen werden und ihren Lesern gefallen,sonst würde er vermutlich gar nicht erst mit dem Schreiben beginnen. Das heißt bei Sachbüchern, die sich an interessierte, aber nicht im Detail fachkundige Leser wenden, dass die Texte ihren Lesern Einsichten und Kenntnisse vermitteln sollen, die ihnen nützlich sind, vor allem dabei, sich eine eigene Meinung zu den behandelten Themen zu bilden. Meine beiden vorgestellten Sachbücher sind entstanden, als ich aus dem Berufsleben ausgeschieden war und sich bei mir der Eindruck breit machte, dass ich mit meinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum einen eher wenige Menschen - vor allem Fachkollegen - erreicht hatte, die zudem in den meisten Fällen mit meinen in der Betriebswirtschaftslehre eher Außenseiter-Positionen nicht sehr viel anzufangen wussten. Andererseits war es mir stets ein wichtiges Anliegen, durch meine Veröffentlichungen den Umbau der Marktwirtschaft zu einer sozial und ökologisch verantwortlichen Wirtschaft zu befördern. Wir können es uns nicht länger leisten, so zu wirtschaften, wie wir es derzeit tun, und damit auch noch ein Beispiel zu sein für Millionen von Menschen in der sog. dritten Welt, die dabei sind, uns in unseren zerstörerischen  Wirtschaftsaktivitäten nachzuahmen.

In beiden Büchern spielt daher eine Fundamentalkritik der heutigen kapitalistischen Wirtschaftsweise eine zentrale Rolle. Das ist der Tatsache geschuldet, dass ich das Erstrebenswerte, nämlich ein gutes Leben für möglichst viele Menschen im Einklang mit der Bewahrung der Lebensgrundlagen für Mensch und Natur zu ermöglichen, vor allem wegen unserer Art zu wirtschaften zunehmend gefährdet sehe. Eine nachhaltiuge Lebensweise ist unvereinbar mit dem Immer-Mehr, wie die Maxime heute lautet. Ich kritisiere unsere heutige Wirtschaftsweise aber nicht um ihrer selbst willen, sondern weil ich sie für grundlegend veränderungsbedürftig halte, wenn wir uns und den nachfolgenden Generationen die Lebensgrundlagen sichern wollen. Um die Nachhaltigkeit stärker ins Zentrum unseres wirtschaftlichen Handelns zu rücken, braucht es jede und jeden. Die Millionen Schülerinnen und Schüler, die sich weltweit bei den Fridays for Future beteiligt und engagiert haben, stimmen mich hoffnungsvoll, dass dieses Anliegen doch erreichbar sein könnte, allen politischen und wirtschaftlichen Widerständen der ewig Gestrigen zum Trotz.

Heute hätte ich die Bücher vermutlich anders akzentuiert. Ich hätte die Nachhaltigkeit stärker nach vorn gerückt und die Wirtschaftskritik deutlicher auf sie und die aus ihr resultierenden Notwendigkeiten bezogen. Das tue ich jetzt in diesem Blog. Allerdings ohne dass ich vom Inhalt der Bücher etwas zurückzunehmen hätte. Denn es sind die Allmacht des Geldes und die Omnipräsenz des Marktes, die für die Misere, die uns bevorsteht, verantwortlich sind und die wir grundlegend begrenzen und beschränken müssen. Auch in unseren Köpfen.


Die verkannten Grundlagen der Ökonomie - Wege zu einer Caring Economy

In der sog. neoklassischen ökonomischen Theorie, die den Menschen auf den Homo Oeconomicus reduziert, ist ein Axiom recht verbreitet: die sog. Substitutionsannahme, in der unterstellt wird, dass das sog. Naturkapital, also z.B. fossile Rohstoffe der verschiedensten Art oder Fischbestände in den Meeren entgegen der vorherrschenden Meinung eigentlich gar nicht begrenzt verfügbar sind, weil sie prinzipiell durch menschengemachtes Kapital ersetzbar sind. Das heißt dann z.B., wenn Bäume übermäßig gefällt werden, so dass Holz als Werkstoff nicht mehr nachwächst, ersetzen wir ihn eben durch Plastik oder andere synthetische Stoffe. Und die Bäume, die uns mit ihrem Anblick erfreuen, durch Plastikbäume, die muss man noch nicht einmal gießen. Zugegeben, dieses Axiom wird inzwischen auch innerhalb der Ökonomie vielfach kritisch gesehen, die Unersetzbarkeit und damit im Sinne der Nachhaltigkeit die Nicht-Substituierbarkeit der natürlichen Lebensgrundlagen inzwischen weitgehend anerkannt. In Lehrbüchern aber kann man die Substitutionsannahme durchaus noch finden.

 Warum passt die Erwähnung eines ökonomischen Irrglaubens an den Anfang einer Rezension der deutschsprachigen Neuerscheinung des Buches „The Real Wealth of Nations“ von Riane Eisler? Die Autorin dieses sehr lesenswerten Buches stellt eine andere unersetzliche Grundlage unseres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Sie bleibt zwar von der herrschenden Ökonomie nicht völlig unbeachtet, wird aber dennoch in Theorie und Praxis sträflich vernachlässigt: Die überwiegend von Frauen geleistete Arbeit im Bereich der Ernährung, Erziehung, Fürsorge und Pflege der ihnen in Familie, Privathaushalt und im sog. Non-Profit-Sektor der Wirtschaft anvertrauten Menschen, die von der Autorin sogenannte „Caring Economy“.

 Damit widmet sich das Buch einer zweiten von der herrschenden Ökonomie vernachlässigten Grundlage unseres Lebens und Wirtschaftens, dem Menschen selbst. Dessen Fähigkeiten, Werthaltungen und Sozialkompetenzen wachsen bekanntermaßen nicht wie Äpfel an den Bäumen. Sie müssen im Prozess der Sozialisation unter direkter persönlicher Zuwendung von Angehörigen und anderen Bezugspersonen entwickelt werden. Und wenn sie durch Krankheit oder andere Umstände vorübergehend in Mitleidenschaft gezogen sind, bedarf es erneut der Zuwendung anderer Menschen, um sie wieder herzustellen.

Dies ist der Sektor der von der Autorin sogenannten Caring Economy, dem neben der Resource Economy (so nennt Eisler die natürlichen Lebensgrundlagen) zweiten fundamentalen Lebensbereich, dessen Vorhandensein und Funktionsfähigkeit von der herrschenden Ökonomie vorausgesetzt werden, ohne dass sie sich diesen Bereichen wirklich zuwendet. Die Natur ist irgendwie da, gut so. Sie zu bewahren, ist eher die Sache unverbesserlicher Gutmenschen als Aufgabe der Ökonomie. Und auch die Akteurinnen der Caring Economy sind offensichtlich blöd genug, all die Leistungen im Bereich Erziehung, Fürsorge und Pflege freiwillig mit geringer sozialer und oft völlig ohne finanzielle Anerkennung zu erbringen. In einer Gesellschaft, die sich nahezu vollständig über das Finanzielle definiert und soziale Anerkennung wie wirtschaftliches Wohlergehen am Geldeinkommen festmacht, ist der Caring-Sektor zwar irgendwie notwendig, aber doch irgendwie „Gedöns“, wie der ehemalige Bundekanzler Schröder es einmal ausdrückte.

 Riane Eisler kritisiert diese Leerstelle der Ökonomie nicht nur, sie entwickelt mit dem Partnerismus die Konturen eines alternativen Wirtschaftssystems jenseits von Kapitalismus und Sozialismus, das Elemente aus beiden Systemen verbindet und in den Kontext einer wahrhaft partnerschaftlichen, auf Empathie gegründeten Wirtschafts- und Lebensweise stellt. Denn nicht nur im Bereich der Carin Economy sieht sie Bedarf an menschlicher Zuwendung und Kooperationsfähigkeit. Auch im Erwerbssektor, bei der Technologieentwicklung und in der Politik diagnostiziert sie Defizite, die aus der gewachsenen Dominanzkultur männlicher Prägung resultieren und über Jahrhunderte Leben und Wirtschaft geprägt haben. Hier Änderungen durchzuführen heißt nichts anderes als eine Kulturrevolution zu initiieren, die Menschlichkeit, Partnerschaftlichkeit und Egalität an die Stelle von Herrschaft, Dominanz und Konkurrenz setzen. Wie die dauerhaften Spitzenpositionen von Ländern mit eher geringen sozialen Unterschieden wie Dänemark und Finnland auf der weltweiten Rangliste des Glücks beweisen, sind es genau diese Merkmale, die deutlich mehr zum menschlichen Wohlergehen beitragen als die etablierten wirtschaftlichen Reichtumswerte von Gesellschaften mit großen ökonomischen und sozialen Differenzen.

 Als praktische Schritte auf dem Weg dahin fordert Eisler zunächst ein gesamtwirtschaftliches Kennzahlensystem, das das Wohlergehen der Gesellschaft nicht allein – wie heute üblich – in monetären Zahlen wie dem Bruttoinlandsprodukt misst, in dem auch Verkehrsunfälle und die Beseitigung von Umweltschäden als Wohlstandszugewinn ausgewiesen werden. An dessen Stelle sollte ein Sozialer Wohlstandindex treten, wie er derzeit vom Center for Partnership Studies entwickelt wird. Diese Kennzahl weist vor allem die hohe Bedeutung des Care-Sektors für die Gesamtwirtschaft nach, ist aber erweiterbar z.B. um Kennzahlen aus dem Umwelt- und anderen bisher nicht erfassten Sektoren. Vorschläge für derartige erweiterte gesellschaftliche Wohlstandsmaße gibt es bereits einige.

 Darüber hinaus müssen die Einkommen von Frauen und die gesellschaftlichen Investitionen in den Bereich der Care Economy so erhöht werden, dass Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und Wirtschaftsbereichen erreicht wird und bisher als weiblich und inferior angesehene Arbeit der vermeintlich produktiveren und anspruchsvolleren Männerarbeit gleichgilt. Dazu sollten und können sowohl Wirtschaft und Politik als auch zivilgesellschaftliche Organisationen und natürlich jede*r Einzelne Beiträge leisten. Leider kommt die Autorin an dieser Stelle selten über Apelle hinaus. Könnten wir nicht z.B. von Sparta lernen, wo die Frauen mit einem allgemeinen Streik ihre Männer gezwungenf haben, auf einen Krieg zu verzichten?

 Insgesamt bleibt die Autorin bleibt realistisch: „Der Wandel von einem dominanzgeprägten zu einem vornehmlich partnerschaftlichen Gesellschaftsmodell bedeutet nicht, dass wir in einem reinen Partnerschaftssystem leben werden. Es ist unrealistisch, von einer idealen Gesellschaft zu träumen. Aber wenn wir die aktuelle Rückentwicklung … (CETA, Mercosur, Bolsonaro, Trump, Putin usw. d.Vf.) umkehren wollen, müssen wir Grundlagen für eine demokratischere, friedlichere, wirtschaftlich gerechtere und ökologisch nachhaltigere Welt schaffen.“(S. 179/180) Dieser Aufforderung ist aus meiner Sicht nichts hinzuzufügen. Es ist unbedingt zu empfehlen, dieses wichtige Buch aufmerksam zu lesen und den darin vorgezeichneten Weg weiter zu gehen.