Große und kleine Fußabdrücke

 

 

 

Kürzlich hatte ich die Freude, vor Schüler*innen einer 9. Klasse über das Thema Nachhaltigkeit zu referieren. Ihre Lehrerin hatte mich in den Unterricht eingeladen und es entspann sich eine rege Diskussion. Insbesondere das Thema ökologischer Fußabdruck hatte es den Schüler*innen angetan. Ein Schüler sah den Fußabdruck kritisch. Er hatte davon gehört, dass der Kohlenstoff-Fussabdruck in Wirklichkeit eine Entwicklung des Ölkonzerns BP sei, mit der einer der weltweit größten Mineralölkonzerne von der Tatsache ablenken wolle, dass vor allem Unternehmen wie BP selbst für die CO2-Emissionen verantwortlich sind. Anlass für mich, das Thema, das ich schon einige Male im Blog angesprochen habe, einmal etwas genauer zu hinterfragen.

 

 

 

 

 

   Seit Menschen leben, nutzen sie die nichtmenschliche Natur zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts. Denn Menschen sind – ökologisch betrachtet – Konsumenten, die als Lebensgrundlage vor allem grüne Pflanzen benötigen, die als einzige Produzenten auf den Weg der Fotosynthese neue Biomasse produzieren.  Diese dient nicht nur als Nahrung für Tiere, sondern eben auch für uns Menschen, selbst wenn wir vegan leben. Insofern greifen Menschen schon immer in die Natur ein, lange Zeit allerdings ohne ihr dabei Schaden zuzufügen, denn in jeder Vegetationsperiode wachsen neue Pflanzen nach. Menschen als Sammler und Jäger machen sich dies zunutze, mehr nicht.

  Mit einsetzender Sesshaftigkeit, mit dem Anbau von Nutzpflanzen und der Haltung von Nutztieren greifen die frühen Menschen dann aber tiefer in die Natur ein. Sie gestalten sie zu ihrem Vorteil um. Sie roden Wälder, legen Ackerflächen an, domestizieren Tiere und schaffen sich so ihre unmittelbare natürliche Umgebung nach ihrem Interesse. Viele Jahrtausende bleiben diese Eingriffe in die Natur verhältnismäßig gering. Erst mit dem Bau von Städten, mit der Errichtung von versiegelten Verkehrswegen und der Verwendung von motorgetriebenen Verkehrsmitteln zu Lande, zu Wasser und in der Luft, mit der Nutzung von großen Landmaschinen sowie chemischen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln und mit der Massentierhaltung erreicht die Eingriffstiefe ein Maß, das die Regenerationsfähigkeit der nichtmenschlichen Natur beeinträchtigt. Geologen nennen die heutige Erdgeschichtsepoche daher auch Anthropozän, um damit auszudrücken, dass es inzwischen der Mensch ist, der der Erde nahezu flächendeckend seinen Stempel aufdrückt. Vom Menschen unberührte Natur gibt es weltweit nur noch in geringem Umfang. Selbst die Weltmeere sind voll von Exkrementen menschlichen Lebens.

  Tatsächlich übernutzen die Menschen die nichtmenschliche Natur und gefährden so in ihrem Fortbestand. Wir verzehren unsere Lebensgrundlagen und sorgen so dafür, dass das eine Nachhaltige Entwicklung, in der auch die künftigen Generationen das gleiche Recht auf Naturnutzung haben wie wir, nicht mehr gewährleistet ist. Für unseren Lebenswandel benötigen wir viel mehr Ressourcen und Fläche, als weltweit zur Verfügung stehen.

 Um diese Aussage zu überprüfen, wurde der ökologische Fußabdruck entwickelt.  Er geht zurück auf den Schweizer Mathis Wackernagel und den Kanadier William Rees, die das Konzept 1994 entwarfen, um damit zu berechnen, wieviel landwirtschaftlich nutzbare Fläche notwendig ist, um darauf die Mittel zu erzeugen, die ein Mensch, eine Nation oder die Menschheit insgesamt zur Bestreitung ihres Lebenswandels benötigt. Grundlage für diese Berechnung sind zwei Flächen:

  • diejenige Fläche, die notwendig wäre, um die Güter und Leistungen zu produzieren und den Abfall aufzunehmen, die die Menschen jährlich nutzen,
  • und die weltweit tatsächlich verfügbare Land- und Wasserfläche (die sog. Biokapazität der Erde, gemessen in der Maßeinheit Globaler Hektar (gha)) 

  Berücksichtigt werden nur die biologisch produktiven Land- und Wasserflächen. Bebaute Flächen, Wüsten und Hochgebirge bleiben außen vor. Die unterschiedliche Produktivität verschiedener Flächen wird durch Gewichtung berücksichtigt. Vom Menschen verursachte CO2 Emissionen werden in Form der für ihren Ausgleich erforderlichen Waldfläche einbezogen. Bezogen auf einzelne Länder und Erdteile ist es so möglich, spezifische Fußabdrücke zu ermitteln, die neben dem Verbrauch auch die Biokapazität der jeweiligen Regionen berücksichtigen.

  Das Konzept hat den Charme, leicht verständlich und einfach kommunizierbar zu sein. Es vereinfacht allerdings damit auch, denn viele Aspekte der Nachhaltigkeit sind darin nicht enthalten. So können der Verbrauch nicht nachwachsender Ressourcen ebenso wenig berücksichtigt werden wie z.B. die durch den Klimawandel hervorgerufenen „natürlichen“ CO2-Emissionen infolge des Auftauens von Permafrostböden. Auch der Verlust an Biodiversität infolge menschlichen Wirkens kann nicht erfasst werden. Der tatsächliche Einfluss des Menschen auf die Funktionsfähigkeit der nichtmenschlichen Natur dürfte damit tatsächlich deutlich höher sein, als es der ökologische Fußabdruck ausdrückt.

  Lässt man diese methodischen Einwände beiseite, dann ergibt sich das folgende Bild: Die Erde stellt jedem derzeit auf ihr lebenden Menschen 1,71 gha zur Verfügung (2018), der tatsächliche Verbrauch liegt bei 2,87 gha. Da heißt es bräuchte pro Erdenbürger 1,06 gha mehr als tatsächlich verfügbar ist. Bezogen auf Länder und Regionen ist der Fußabdruck der Menschen in Luxemburg weltweit am höchsten (15,8 gha), derjenige von Eritrea (0,4 gha) am niedrigsten. Von 150 Staaten, über die das Global Footprint Network Daten veröffentlicht, hatten nur 45 Staaten ökologische Reserven und 105 ein ökologisches Defizit, das heißt, sie verbrauchten mehr als sie an Biokapazität verfügbar machen können.  Dabei war die Biokapazität z.B. in Guyana rund 22-fach höher als der ökologische Fußabdruck. In Singapur dagegen war der Fußabdruck rund 160-mal größer als die nationale Biokapazität. Weltweit hätte es 1,75 Erden gebraucht, um unsere Verbräuche zu ermöglichen, für Deutschland sogar 3 Erden. Wo es doch nur die eine gibt.

  Auf Grundlage des ökologischen Fußabdrucks wird auch der sog. Erdüberlastungstag ermittelt, der inzwischen jährlich durch die Presse geht, weil er von Jahr zu Jahr früher erreicht wird. Es ist der Tag, an dem die Erdbevölkerung die natürlichen Vorräte verzehrt hat, die ihr für das jeweilige Jahr insgesamt zur Verfügung stehen. 2022 lag dieser Tag auf dem 28. Juli, 2000 fiel der Erdüberlastungstag noch auf den 22. September. Verbrauch und Regeneration der Ressourcen befanden sich zuletzt im Jahr 1970 im Gleichgewicht.

 Der publizistische Erfolg des ökologischen Fußabdrucks hat dazu geführt, dass Wissenschaftler des Ölkonzerns BP im Jahr 2004 einen anderen Fußabdruck entwickelten, den Carbon Footprint oder Kohlenstoff-Fußabdruck. Das Unternehmen brachte einen CO2-Rechner heraus, mit dem wie beim allgemeinen ökologischen Fußabdruck jeder einzelne Mensch für sich ausrechnen kann, für wie viele CO2-Emissionen sie/er mit ihrem/seinem (Konsum-)Verhalten verantwortlich ist.

  Einmal abgesehen von ähnlichen methodischen Problemen bei der Berechnung dieses Fußabdrucks ist hier ein grundsätzlicher Einwand angebracht. Während jeder Mensch seinen persönlichen Lebenswandel und damit den allgemeinen ökologischen Fußabdruck zum großen Teil selbst bestimmt, kann der einzelne Mensch das Ausmaß der CO2-Emissionen nur in geringem Umfang beeinflussen. Es sind vor allem die produzierende Industrie, die Energiewirtschaft, Verkehr und Bauwirtschaft, die für die CO2-Emissionen verantwortlich sind. Welche Produktionsanlagen die Industrie verwendet, welche Energieträger in Kraftwerken zum Einsatz kommen, welche Verkehrsmittel angeboten werden und welche Ressourcen in der Bauwirtschaft zum Einsatz kommen, das entscheiden nicht die Verbraucher*innen, sondern die Manager in den Unternehmen und die Politik, die eigene Angebote macht und Rahmenbedingungen setzt. In den genannten vier Wirtschaftssektoren fallen über 90 % der CO2 Emissionen an. Insofern lenkt das Konzept des CO2-Fußabdrucks die Verantwortung unzulässig um von der anbietenden Wirtschaft und der Politik zum nachfragenden Bürger, von der Gesellschaft als Ganzer zum Individuum. Man wird den Verdacht nicht los, dass es BP bei der Entwicklung des Kohlenstoff Fußabdrucks genau darum ging, von seiner Verantwortung abzulenken und uns Bürgern ein schlechtes Gewissen zu machen. 

  Diese Methode passt ins Bild. Denn obwohl ein Exxon Mobil Klimaforscher seine Geschäftsleitung bereits 1977 darüber informierte, dass es vor allem der CO2-Ausstoß bei der Verbrennung fossiler Energieträger ist, der die Erderwärmung drastisch befördert, werden das Unternehmen und seine Mitbewerber nicht müde, das Gegenteil zu behaupten und mehr als 1 Mrd. Dollar für Lobby-Arbeit und Werbekampagnen gegen politische Klimaschutzbemühungen aufzuwenden. „Tarnen, täuschen und verpissen“ heißt so etwas im Soldatensprech.

  Zurück zum ökologischen Fußabdruck in seiner seriösen Variante. Hier wird häufig der durchschnittliche Fußabdruck eines Mitteleuropäers, Deutschlands oder eben der ganzen Welt verwendet. Daran wird immerhin schon deutlich, dass in den Industrieländern erheblich mehr nichtmenschliche Natur verbraucht wird als in den Ländern des globalen Südens, und das nicht erst seit gestern, sondern schon seit Beginn der Industrialisierung.

  Aber es lohnt sich, einmal die Durchschnittsbetrachtung hinter sich zu lassen. Tatsächlich ist der Fußabdruck stark vom finanziellen Einkommen und Vermögen der Menschen abhängig. Das lässt sich gut an der unterschiedlichen CO2-Fußabdrücke zeigen. Danach verursacht das oberste 1%, also etwa 80 Millionen Menschen, mit den weltweit höchsten Einkommen allein 15% der globalen CO2-Emissionen, 1,5mal so viel wie die untere Hälfte, also knapp 4 Milliarden Menschen zusammen. Die obersten 10% verursachen fast genauso viele CO2-Emissionen wie die mittleren 40% und nur geringfügig weniger als die übrigen 90%. Heruntergebrochen auf die einzelne Person erscheinen diese Ergebnisse noch drastischer. Eine Person aus der ärmeren Hälfte der Bevölkerung verursacht 1 to CO2 jährlich, ein Mitglieder des reichsten 1 % dagegen 48 to. Einige Superreiche verursachen sogar einen Ausstoß von mehr als 1.000 Tonnen im Jahr.

  Die diesen Zahlen zugrundeliegende Studie kommt zu dem Ergebnis, dass nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb von Staaten erhebliche Abweichungen zu beobachten sind. Die reichsten 10% der Einwohner Luxemburgs haben eine CO2 Fußabdruck von 76.9 to pro Jahr (Durchschnitt 30 to), gefolgt von den USA, wo die reichsten 10% einen Fußabdruck von 54.9 to haben (Durchschnitt 14.5 to). Die Fußabdrücke der reichsten 10% eines Entwicklungslandes liegen unter 1to und damit deutlich geringer als diejenigen der 10% Ärmsten in einem europäischen Land. Die Abdrücke der 10% reichsten US-Amerikaner sind 40mal höher als diejenigen der reichsten 10% Nigerianer und 500mal höher als diejenigen der 10% ärmsten Nigerianer. Während mehr als 1 Million Menschen in Afrika einen CO2-Fußabdruck von weniger als 0,01to haben, beträgt derjenige der 500.000 Reichsten der Welt jeweils mehrere 100 to, mehr als das 2.000fache der Afrikaner.

  Jetzt argumentiert er mit dem CO2-Fußabdruck, den er gerade noch als Propaganda-Werkzeug der Mineralölindustrie gebrandmarkt hatte, könnten Sie/ könntest Du jetzt einwenden. Ja, das stimmt, einfach weil die Studie, auf die ich mich beziehe, diese Fußabdruck-Variante benutzt und weil mir andere Daten nicht vorliegen. Zumindest was die Fußabdrücke der Superreichen angeht, halte ich das aber für vertretbar. Denn wer sich Wohnungen und Häuser in verschiedenen Ländern der Welt leisten kann, wer mit Privatjets um die Welt fliegt und gelegentlich mal einen Kurztrip in den Weltraum unternimmt, der ist schon für erhebliche Teile seines CO2-Abdrucks selbst verantwortlich und kann diese Verantwortung nicht an Mineralöl- oder andere Konzerne weiterreichen. Wer dagegen einen CO2-Fußabdruck von 0,01to zugerechnet bekommt, der dürfte tatsächlich nur für einen geringen Teil dieses Wertes persönliche Verantwortung tragen.

  Schlussendlich: Anhand der Fußabduck-Zahlen zeigt sich, dass vor allem die Reichen des globalen Nordens für einen erheblichen Teil der Klimaschäden und des Ressourcenverbrauchs verantwortlich sind. Denn Reiche haben große und Arme haben kleine Fußabdrücke, weltweit, aber auch im nationalen Maßstab. Einfach weil es deutlich mehr bringt, müssen daher die reichen Staaten Europas voran gehen bei der Reduzierung des eigenen und damit des globalen ökologischen Fußabdrucks. Und weil es bei uns und anderswo vor allem die wirklich Reichen sind, die riesige Fußabdrücke hinterlassen, wäre es daher außerdem sinnvoll, ein Steuersystem zu errichten, das die Finanzkraft der Reichen und Superreichen wenigstens teilweise umlenkt in einen Etat zur Bekämpfung von Armut und Hunger und damit zugleich für Nachhaltige Entwicklung. Bereits in den 80er Jahren wusste – wer wohl – Esso (!): „Es gibt viel zu tun, packen wir’s an.“