Groß frisst klein, und was hat das mit Nachhaltigkeit zu tun?

Dieser Tage las ich in der Presse, dass der Lebensmittelkonzern Dr. Oetker das Start-up-Unternehmen „Flaschenpost“ gekauft habe, und zwar für schlappe 1 Milliarde Euro, obwohl das Start-up bisher nur rote Zahlen schreibt. Dabei betreibt der Konzern außer der Backpulver-, Pizza- usw. Produktion und vielen Brauereien bereits selbst einen Getränke-Vertrieb, nämlich Durstexpress, den einzigen bundesweit tätigen Konkurrenten von Flaschenpost. Beide Getränkevertriebe sollen zunächst unter gemeinsamer Führung scheinbar eigenständig weitergeführt werden, sofern das Bundeskartellamt dem Kauf zustimmt. Wieder wird ein Großer noch größer und der Wettbewerb bleibt auf der Strecke.

 Vorgänge wie dieser sind nicht gerade selten, im Gegenteil: Sie prägen die wirtschaftliche Entwicklung in allen marktwirtschaftlichen Systemen und führen zu einer schleichenden Einschränkung bis zur Aufhebung des Wettbewerbs. In der  Vergangenheit hat Kartellamt als zuständige Genehmigungsbehörde sich zumeist als zahnlose Tiger erweisen, wenn es um wirksame Maßnahmen gegen Wettbewerbsbeschränkungen ging. Jedenfalls gibt es in vielen Branchen immer weniger und immer größere Leistungsanbieter. Im Folgenden möchte ich versuchen, diese Zusammenhänge ein wenig zu erhellen und vor allem zu erläutern, dass sie auch für die Bewahrung bzw. Rückgewinnung von Nachhaltigkeit in der Wirtschaft von großer Bedeutung sind.

Fairer Wettbewerb ist nicht nur das Grundprinzip des Sports, sondern auch das Grundgesetz der Marktwirtschaft, wenn diese einen fairen Interessensausgleich zwischen Anbietern und Nachfragern gewährleisten soll. Denn zumeist gibt es ein Ungleichgewicht zwischen Nachfragern und Anbietern, das nur dann einigermaßen in die Waage gebracht werden kann, wenn es mehrere Anbieter gibt, zwischen deren Leistungen die Nachfrager wählen können, so dass keiner der Anbieter seine Interessen uneingeschränkt durchsetzen kann. Gibt es nur einen Anbieter, dann hat dieser die Möglichkeit, überhöhte Preise zu fordern oder anderweitig die Nachfrager zu dominieren. Auch wenn es mehr als einen Anbieter gibt, hängt es vom Verhalten der Wettbewerber ab, wie sehr die Interessen der Nachfrager zur Geltung kommen können. Oft sind es auch die Zulieferer, die unter der Marktmacht großer industrieller Nachfrager leiden. In der Theorie kann das aber eigentlich gar nicht passieren, denn im Falle von überhöhten Preisen gehen die Modelle davon aus, dass weitere Anbieter in den jeweiligen Markt eintreten und den bisherigen „Platzhirschen“ Konkurrenz machen.

 Tatsächlich kann man jedoch immer wieder beobachten, dass der Wettbewerb die Eigenschaft hat, sich im Zeitablauf selbst zu beseitigen, so dass auch bei einer ursprünglich großen Zahl von Anbietern bzw. industriellen Nachfragern mit der Zeit immer weniger übrigleben und es am Ende nur noch wenige Große gibt. So geschehen z.B. im deutschen Lebensmitteleinzelhandel, wo es bis vor gar nicht langer Zeit eine Vielzahl kleinerer selbständiger Läden gab, die für die meisten Kunden fußläufig erreichbar waren und miteinander konkurrierten. Solange viele Kunden kein Auto hatten und daher nur in der nahen Umgebung einkaufen konnten, waren die kleinen Geschäfte in der Lage, für sie auskömmliche Preise durchzusetzen und so ihre wirtschaftliche Existenz zu sichern. Das mussten die Kunden akzeptieren. Das Angebot war vielfältiger und auch kleine Hersteller fanden über kleine Geschäfte den Zugang zum Endverbraucher.

    Mit der wachsenden Mobilität der Kunden änderte sich das Kaufverhalten. Nun war es möglich, dort zu kaufen, wo spürbar geringere Preise verlangt wurden, mit denen die kleinen Geschäfte nicht mithalten konnten. Die billigeren Läden, die zumeist von größeren Anbietern betrieben wurden, wuchsen. Die Kleinen schrumpften und verschwanden vom Markt. Wenige Große wurden immer größer, bauten immer größere Läden oft an den Rändern der Städte, wo sie auch Parkflächen anbieten konnten. Heute bleibt uns nur die Wahl, zum wöchentlichen Großeinkauf „auf die grüne Wiese“ zu fahren. Wer kein Auto hat, der hat das Nachsehen. Die selbstständigen wohnortnahen Geschäfte sind weitgehend verschwunden. Es gibt in Deutschland eigentlich nur noch vier große Lebensmitteleinzelhändler: Edeka, REWE, Lidl und Aldi . Alle weiteren sind abgeschlagen.

    Damit ist die Möglichkeit zu Preisabsprachen und „abgestimmtem Wettbewerbsverhalten“ offensichtlich. Allerdings kann man gerade am Lebensmitteleinzelhandel sehen, dass die Zahl der Wettbewerber nicht zwingend etwas über die Intensität des Wettbewerbs aussagt. Denn die fünf Großen liefern sich immer wieder Preisschlachten, etwa um den kleinsten Milch- oder Fleischpreis, nicht selten zu Lasten der kleinen bäuerlichen Milch- und Fleischerzeuger. Große Händler brauchen große Lieferanten, die große Mengen zu geringen Preisen anbieten können. Kleine haben dazu oft nicht die Möglichkeit und scheiden als Lieferanten der „großen Fünf“ aus. Oder sie müssen Händlereinkaufspreise akzeptieren, die ihnen kaum das wirtschaftliche Überleben ermöglichen und sie zum Aufgeben zwingen, wenn sie nicht direkte Vertriebsmöglichkeiten beispielsweise über Hofläden oder eine direkte Anlieferung beim Kunden nutzen.

    Genauso bleibt die Sortenvielfalt auf der Strecke, denn die großen Produzenten setzen z.B. bei Äpfeln auf etablierte „Einheitssorten“, die robust und verkaufsfreundlich sind. Vielfalt bleibt auf der Strecke, unser Einkaufsverhalten wird gleichgeschaltet, ob wir das wollen oder nicht. Trotz funktionierenden Preiswettbewerbs gibt es weitgehend Einheitsbrei, sowohl im Handel als auch in der Produktion.

So hat sich z.B. am Apfelmarkt unter der Marke „Pink Lady“ für die Apfelsorte Cripps Pink eine Sorte etabliert, die nicht nur an der Ladentheke gut verkauft wird, sondern auch zu von wenigen großen Markeninhabern dominierten Strukturen geführt hat. Pink Lady ist ein „Clubapfel“, der nur von lizensierten Gärtnern angebaut und vermarktet werden darf. Inhaber der Marke ist ein großer australischer Konzern. Im Jahr 2012 wurden weltweit 450.000 Tonnen Cripps Pink geerntet, von denen 325.000 Tonnen als Pink Lady vermarktet werden durften. In Australien hat diese eine Marke einen Exportanteil von etwa 30%. In den Anbauländern wird für die Nutzung der Marke eine Lizenzgebühr berechnet, da die Handelseinkaufspreise für Pink Lady dank des Marketings des Markeninhabers erheblich über den Preisen für andere Äpfel liegen. Verbraucherschützer und Umweltorganisationen üben allerdings deutliche Kritik an Pink Lady und anderen Designer-Äpfeln und den Strukturen, die sie am Erzeugermarkt hervorrufen. Denn je kleiner die Sortenvielfalt, desto schadensanfälliger ist der Anbau, der nur noch mit erheblichem Chemieeinsatz betrieben werden kann.

   Die Beispiele Lebensmitteleinzelhandel und Clubäpfel sind auf viele andere Bereiche übertragbar, z.B. die Fleischherstellung und die Mineralwasserproduktion, in der weltweit tätige Konzerne dominieren. Sie verdeutlichen den Zusammenhang zwischen dem Wettbewerb in der Marktwirtschaft bzw. seiner unaufhebbaren Eigenschaft, sich selbst zu beseitigen und dem Thema Nachhaltigkeit. Der Wettbewerb beseitigt nicht nur sich selbst und führt daher zu wirtschaftlichen und im Ende gesundheitlichen Nachteilen für uns Verbraucher. Er schafft auch Vielfalt und Überschaubarkeit ab und ersetzt sie durch Uniformität und Gigantismus. Vielfalt aber ist ein wesentliches Charakteristikum nachhaltiger Strukturen. Vielfalt sorgt für Resilienz, d.h. für die Fähigkeit von Systemen, schädliche Einwirkungen von außen schadlos zu überwinden.

   Vielfalt ist auch mit Überschaubarkeit und Kleinräumigkeit verbunden. So sind der kleinbetriebliche Einzelhandel und entsprechende Produktionsstrukturen weitaus weniger anfällig gegen Störungen, als wenn wenige Große das Angebot erbringen. Fällt von wenigen einer aus (siehe das Beispiel Schlecker) führt das zu erheblichen Verwerfungen (im Fall Schlecker vor allem zu Arbeitsplatzverlusten), die oft nur noch mit Staatshilfe behoben werden können. Wenn es nur noch wenige Apfelsorten gibt, steigt deren Anfälligkeit für Schädlinge und die Gefahr von Allergien bei den Kunden. Und gibt es z.B. nur wenige große Schlachtbetriebe wie etwa Tönnies oder Wiesenhof oder wie im Weltmaßstab Nestlé und Coca Cola für Flaschenwasser, dann sind wirtschaftliche und ökologische Schäden nahezu unvermeidlich. Nachhaltig ist nur eine Wirtschaft, die für die Menschen überschaubar bleibt und Ausfälle ebenso verkraftet wie sie Machtkonzentrationen verhindert.

    Denn im Zusammenhang mit der Anbieterkonzentration auf sehr wenige Große, wie sie außer im Lebensmitteleinzelhandel heute in vielen Branchen die Regel ist, kommt ein weiteres hinzu. Wenige große Firmen sind oft auch profitabler als viele kleine. Sie führen zu einer Aufhäufung von Einkommen und Vermögen in der Hand weniger Firmeneigentümer, und zwar nicht nur im nationalen Maßstab, sondern weltweit. Selbst wenn das Firmeneigentum in Form von Aktien weit gestreut wird (wie z. B. bei der Privatisierung von Volkswagen im Jahre 1960 durch Verkauf von „Volksaktien“ durch den früheren Eigentümer Bundesrepublik Deutschland), dann bleibt es nicht lange in der Hand der vielen Kleinaktionäre, sondern wird von großen finanzstarken Investoren übernommen. Heute besitzen die Familien Porsche und Piech mehr als 50% der Aktien von VW, im Streubesitz sind nur noch stimmrechtslose „Vorzugsaktien“.

  Tatsächlich ist die Vermögensverteilung in Deutschland extrem schief. Geordnet nach der Höhe ihres Nettovermögens geordnet in zehn gleich große Gruppen eingeteilt, dann besitzt das reichste Zehntel über 56,1 Prozent des gesamten Vermögens. Das oberste eine (1!) Prozent besitzt rund 18 Prozent des gesamten Vermögens, genau so viel wie die ärmsten 75 Prozent der Bevölkerung zusammen. Die untere Hälfte der Bevölkerung hat einen Anteil von lediglich 1,3 Prozent. ( Damit verbunden ist nicht nur ein entsprechender Lebensstil, der zumeist alles andere als nachhaltig ist (siehe den Beitrag „Möchten Sie auch gern reich sein?“ in diesem Blog). Vermögen, insbesondere in Form von Eigentum an Unternehmen, beinhaltet auch Macht, die Möglichkeit wirtschaftlichen Einfluss auszuüben, nicht nur Einfluss auf das eigene Unternehmen, sondern auch darüber hinaus. Angelegt in Aktien verwalten die Eigner ihr Vermögen oft gar nicht mehr selbst, sondern überlassen dies großen Vermögensverwaltern und Hedgefonds wie z.B. Blackrock und anderen. Das u.a. bewirkt die zunehmende Abtrennung der globalen Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft bzw. deren fortschreitende Unterwerfung unter das globale Finanzsystem und damit den Siegeszug des allein an Gesichtspunkten der Gewinnerzielung ausgerichteten Wirtschaftens.

   Auch diese Entwicklung steht einer nachhaltigen Wirtschaft diametral entgegen. Denn die Eigentümer von (kleineren) Unternehmen, die ihre Firma selbst leiten und an ihren Nachwuchs vererben wollen, sind inzwischen immer mehr dafür sensibilisiert, dass sie nur langfristig erfolgreich sein können, wenn sie im Einklang mit Umwelt und Gesellschaft handeln. Sie berücksichtigen Nachhaltigkeitsgesichtspunkte in immer größerem Umfang. Internationale Hedgefonds dagegen sind zumeist kurzfristig orientiert. Ihnen geht kurzfristiger Gewinn über alles, denn sie verwalten ja nur Geldvermögen, das sie möglichst schnell zu mehr Geld machen sollen, damit ihnen ihre Kunden nicht abspringen. Da fallen sachliche Gesichtspunkte der Produktion ebenso wie Ökologie und soziale Verantwortung oft vollständig hinten runter.

   Wer Nachhaltigkeit will, sollte sich daher für kleinteilige, vielfältige Wirtschaftsformen stark machen, sollte bei seinen Einkäufen kleine lokale oder regionale Anbieter bevorzugen, also z.B. sein Essen auf dem Wochenmarkt oder im Hofladen einkaufen anstatt bei Lidl oder Aldi. Wer Nachhaltigkeit will und sein Geld anlegen möchte, um die Rente perspektivisch etwas aufzubessern, sollte nach nachhaltigen Investments suchen und dabei seriöse Angebote auswählen, wie sie etwa vom Forum Nachhaltige Geldanlagen e.V.  ausgezeichnet werden. Und sie bzw. er sollte diejenigen politischen Kräfte stützen, die die Wettbewerbsordnung wirksam regulieren und fairen Wettbewerb auch im globalen Maßstab fördern anstatt seiner Beschränkung in Form sog. Freihandelsabkommen wie CETA und Mercosur im Interesse des weiteren Wachstums der globalen Konzerne Vorschub zu leisten. Das geht!