nachhaltig geht – bloß wie?

 

Die Corona-Pandemie lässt uns in diesen Wochen an vieles denken: Daran, ob die schrecklichen Ereignisse vor allem in den italienischen, spanischen und US-amerikanischen Kliniken sich in weiteren Ländern wiederholen und weiter viele Menschenleben kosten werden. Wir fragen, wie es weitergeht und wann und ob die Welt zu welcher Form von Normalität zurückkehren kann. Und wir erkennen, dass die Natur - hier in Form eines mutierten neuartigen Virus - die menschliche Zivilisation von heute auf morgen an ihre Grenzen bringen kann.

 

Man wird sehen, ob wir die Einsicht finden werden, die Schäden, die wir der Natur in Form des Klimawandels, der Ressourcen- und Artenvernichtung und der Vergiftung von Meeren und Böden zufügen, künftig so weit wie möglich zu vermeiden, um nicht erneut mit den heftigen Folgen der Naturzerstörung zu tun zu bekommen. Wir müssen endlich nachhaltig leben und wirtschaften. Wie das grundsätzlich gehen kann, dazu der nachfolgende kurze Aufsatz. Für diejenigen, die tiefer in die Materie eindringen wollen, habe ich wichtige Begriffe verlinkt.

 

 

Es klingt kompliziert und aufwändig: nachhaltig zu produzieren, konsumieren und leben in unserer hochtechnisierten Welt. Aber es ist gar nicht so schwierig, wie es der sperrige Begriff befürchten lässt. Wir müssen es nur wollen und uns auch wirklich dran machen!

 

Denn es geschieht ja schon viel in Richtung Nachhaltigkeit. Am weitesten verbreitet sind Maßnahmen, die sich unter dem Begriff Effizienz (hier Näheres) zusammenfassen lassen. Da wird versucht, dieselbe Menge an Produkten oder Leistungen mit so weit wie möglich reduziertem Aufwand an Naturressourcen zu erstellen. Zum Beispiel bei Autos: Wo früher der VW Käfer 12l Benzin auf 100 km verbraucht hat, schafft das heute der VW Golf trotz stärkerer Motorisierung mit nur noch 5l. Weniger als die Hälfte und das bei erheblich gesteigerter Leistung, nämlich 85 gegenüber 34 PS und einer fast verdoppelten Spitzengeschwindigkeit! Das könnte jede Menge Sprit einsparen.

 

Aber da liegt auch schon der Hase begraben: Der Golf ist fast doppelt so schwer wie der Käfer, es gibt heute allein in Deutschland mehr als zehnmal so viele PKWs wie zu Käferzeiten, nämlich ca. 47 Mio., und es wird viel mehr gefahren. So werden die möglichen Einspareffekte mehr als wieder aufgefressen. Dieser sogenannte Rebound-Effekt (hier Näheres) bewirkt, dass die meisten Effizienzgewinne durch Mengen- und Leistungswachstum aufgehoben werden, so dass oft der absolute Ressourcenverbrauch trotz großen Effizienzgewinnen weiter steigt. Andererseits sind Effizienzsteigerungen die Strategie, die die Wirtschaft aus dem Effeff beherrscht, ist es doch das grundlegende Prinzip, nach dem die Geldwirtschaft funktioniert. Immer mehr Produkte und Leistungen, möglichst mit weniger Einsatz von Material und Arbeit. Nachhaltig ist das im Ergebnis aber leider nicht.

 

Ein zweites Konzept ist unter dem Stichwort Konsistenz (hier Näheres) bekannt, was hier so viel bedeutet wie Verträglichkeit mit der natürlichen Umwelt. Denn die Natur funktioniert genau nach dem Prinzip, dass – einmal abgesehen von der äußeren Erdkruste – natürliche Materialien nach ihrem Lebensende von Mikroorganismen wieder in ihre Bausteine zerlegt werden und als Ausgangsmaterial für neues Leben fungieren. Es geht also darum, auch die vom Menschen in Gang gesetzten Stoffströme im Kreis zu führen, um insbesondere bei nicht nachwachsenden Ressourcen deren Bestände nicht zu verbrauchen, sondern sie auf dem Weg des Recycling einer wiederholten Nutzung zuzuführen. Geschlossene Kreisläufe sollen einerseits den Verbrauch nicht nachwachsender Rohstoffe möglichst vermeiden, andererseits verhindern, dass Stoffe in die Natur gelangen, die dort Schäden anrichten wie heute z.B. Plastik im Meer.

 

Auch dieses Konzept wird heute bereits verwirklicht. So wird z.B. Stahl nach dem Lebensende der Gegenstände, in denen er verbaut wurde, einer erneuten Nutzung zugeführt. Weltweit werden so knapp 600 Mio. to Stahlschrott wiederverwertet, was einem Anteil am Gesamtstahlverbrauch von knapp 40% entspricht. Zudem benötigt die Verarbeitung von Stahlschrott viel weniger Energie als bei Rohstahl. Immerhin gut 60% des weltweiten Stahlverbrauchs werden allerdings immer noch aus den nicht nachwachsenden Beständen entnommen und stehen damit den künftigen Generationen nicht mehr zur Verfügung. Zudem ist Stahl leider eines der bestgenutzten Recycling-Beispiele. Allein Papier und Flaschenglas erreichen noch höhere Recyclingquoten von mehr als 80%. Andere Materialien, insbesondere Kunststoffe, werden nur in geringem Umfang stofflich wiederverwertet und dabei oft für die Herstellung minderwertiger Produkte genutzt.

 

Insofern hat das Recycling von Stoffen praktische Grenzen. Vor allem nährt es die Illusion, wir könnten schadlos immer mehr Stoffe produzieren und nutzen, weil wir sie ja im Kreislauf immer wieder verwenden. Das aber ist nicht zuletzt wegen der unvollständigen Kreisläufe und der erheblichen Rohstoffverbräuche bei der Rohstoffgewinnung nicht der Fall.

 

Tatsächlich wird Nachhaltigkeit nur erreichbar sein, wenn die Lebens- und Wirtschaftsweise, die sich in den westlichen Industrieländern durchgesetzt hat und die auf stetigem Wirtschaftswachstum aufgebaut ist, fundamental verändert wird und sich nicht auch noch in den armen Ländern durchsetzt. Effizienz und Konsistenz können zur Nachhaltigkeit beitragen. Darüber hinaus aber muss von allem weniger verbraucht werden. Das wird auch Suffizienz (hier Näheres) genannt.

 

Weniger Mobilität, weniger Fleisch, weniger Kleidungsstücke, weniger Wohnfläche, wie soll das gehen? Nun, es gilt zunächst einmal nur für uns Menschen in den Industrieländern. Denn wir Menschen in der sog. entwickelten Welt haben einen viel zu großen ökologischen Fußabdruck (hier findest Du Links zum Ausrechnen Deines Fußabdrucks), d.h. unser Naturverbrauch ist so groß, dass es mehrere Welten bräuchte, wenn alle genauso viel verbrauchen würden wie wir. Wir sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen.

 

Natürlich gibt es auch in Deutschland Menschen, die mit sehr wenig auskommen müssen. Aber im Durchschnitt leben wir im Überfluss. D.h. die meisten Deutschen würden eine Verringerung ihres materiellen Wohlstands weniger als Einschränkung erleben sondern als Befreiung vom Überfluss. Wir müssten weniger arbeiten, könnten öfter das tun, was uns eigentlich interessiert, wozu wir aber meist nicht kommen.

 

Andererseits ist es verständlich, dass sich viele Menschen mit diesem Gedanken nicht so leicht anfreunden können. Fast vom ersten Atemzug an haben wir gelernt, dass es ruhig etwas mehr sein darf und dann vielleicht auch noch etwa mehr. Bescheidenheit und Genügsamkeit gelten heute vielfach als nicht von dieser Welt. Dabei quellen bei vielen die Kleiderschränke über, die Autos verstopfen unsere Straßen. Und tausende von Kreuzfahrtschiffen fahren die Satten all inclusive dorthin, wo sie eigentlich gar nicht wirklich hinwollen.

 

Nachhaltige Entwicklung ohne Genügsamkeit der Menschen in den Industrieländern wird es aber nicht geben. Jeder, der etwas anderes behauptet, macht sich und uns etwas vor. Denn die Menschen in den sog. Entwicklungs- und Schwellenländern sind nicht länger bereit, die jetzigen Verhältnisse hinzunehmen. Sie wollen auch ein Auto, ein Haus und viel Fleisch oder sie machen sich auf den Weg zu uns ins vermeintliche Paradies. Das ist nicht nur nicht nachhaltig, sondern es enthält jede Menge sozialen Sprengstoffs.

 

Dabei kann jede*r sofort anfangen, etwas zu tun, indem sie*er sich dem Immer mehr verweigert. Raus aus der Tretmühle, die viele von uns so gar nicht gewollt haben, der sie sich aber doch zumeist ausliefern, weil es alle tun.

 

Das wäre ein Anfang, der im Umbau der sozialen und wirtschaftlichen Strukturen fortgesetzt werden muss. Wir müssen wieder Politiker wählen, die wirklich unsere Interessen vertreten und sich nicht hinter vermeintlichen Sachzwängen und drohenden Arbeitsplatzverlusten verstecken. Denn ein großer Teil unseres persönlichen ökologischen Fußabdrucks entzieht wird von den gesellschaftlichen Lebensverhältnissen bestimmt: Produktionssystem, Verkehrssystem, Infrastruktur usw. Auch der größte Hardcore-Öko kann seinen Kohlenstoff-Fußabdruck allein nicht so weit senken, wie es notwendig ist, von ca. 12 to auf etwa 2 to. Dazu braucht es die Verkehrswende, die Energiewende, die Landwirtschaftswende, die Wohnwende, grundlegende gesellschaftliche Veränderungen, die wir nur politisch auf den Weg bringen können, zu unserer aller Nutzen. Es geht, aber es gibt viel zu tun.