Noch mal Nachhaltigkeit und Corona: Resilienz zurückgewinnen

Zur Unterbrechung der Infektionsketten und zum Schutz unserer Mitmenschen bleiben wir zurzeit zuhause und üben uns in Geduld. Immerhin müssen wir in Deutschland weder hungern noch frieren (von den Wohnungslosen einmal abgesehen). Aber das gewohnte System funktioniert zu weiten Teilen nicht mehr, es hat sich als extrem verwundbar erwiesen. Viele Märkte sind zusammengebrochen. Unternehmen droht die Pleite, Selbständige und Arbeitnehmer verdienen kein Geld mehr.

 

Eigentlich wissen wir es ja längst: Wenn die Märkte nicht mehr funktionieren, z.B. weil gestreikt wird oder weil Zulieferungen ausbleiben, dann kommt es zu Stockungen. Lieferzeiten verlängern sich. Jetzt aber sehen wir: Dinge, die wir dringend bräuchten, Schutzmasken, Atemgeräte, Schutzkleidung, Desinfektionsmittel gibt es selbst für Kliniken und Pflegeeinrichtungen nicht mehr oder nur zu horrenden Preisen.

 

Wir sind total davon abhängig, dass überall auf der Welt andere das herstellen und uns verkaufen, ohne das wir nicht überleben können. Von dem, was wir zum Leben brauchen, können wir selbst kaum noch etwas herstellen. Wir müssen alles kaufen. Und damit wir uns all das leisten können, müssen wir Geld verdienen, indem wir unsere Arbeitskraft, unser Wissen oder auch Geldvermögen einsetzen und dafür bezahlt werden. Wir sind nur noch Marktgeschöpfe, zumal wenn wir in Städten und nicht auf dem Land leben. Und die Märkte versagen schnell, weil sie total auf Kostenreduktion getrimmt sind.

 

Für einiges sorgt der Staat. Innere und äußere Sicherheit, Gesundheitsversorgung, Bildung, soziale Absicherung, Wohnraum zu erschwinglichen Mieten. Echt jetzt? Leider nein, denn unser Staat ist vor nicht allzu langer Zeit der neoliberalen Ideologie auf den Leim gegangen und hat z.B. große Teile der öffentlichen Gesundheitsversorgung und staatseigene Mietwohnungen an private Träger verkauft und die verbleibenden auf Gewinnerzielung getrimmt. Die Quittung: die Mieten gehen durch die Decke und die Kliniken pfeifen auch ohne Corona auf dem letzten Loch.

 

Und die Unternehmen? Sie haben immer mehr Produktion z.B. auch von Medikamenten und Schutzmitteln in Billiglohnländer verlagert, um Gewinne zu steigern. Corona deckt das alles nun schonungslos auf: Unsere persönliche Unfähigkeit zur Selbstversorgung, die Verwundbarkeit der Märkte und der privatisierten öffentlichen Daseinsvorsorge. Die globalen Lieferketten brechen zusammen, weil ein Virus, der in China von der Fledermaus auf den Menschen übergesprungen ist, sich in Windeseile auf dem ganzen Globus verteilt und die Lieferketten zerreißt.

 

Unser Wirtschaftssystem erweist sich in hohem Maße als vulnerabel, als unfähig, äußere Störungen (hier durch das Virus) abzufedern. Die verantwortlichen Entscheider haben versäumt, sich um die Resilienz unserer Lebensbedingungen zu kümmern. Das Streben nach Gewinn hat sie blind gemacht, dafür zu sorgen, dass das System auch im Falle von Störungen funktionsfähig bleibt. Und das gilt nicht nur für die Corona-Krise. Es gilt z.B. auch für den Umgang mit dem Klimawandel, weil auch der unser Leben und unsere Wirtschaft erheblich stören kann. Unwetterereignisse bringen Lieferketten zum Stocken und verursachen Fluchtbewegungen, die gravierende Folgen haben. Man denke nur an die letzten Hitzesommer, die jährlich schlimmer werdenden Hurrikans oder an die Überschwemmungen, durch die vor kurzem die fernöstliche Chipproduktion zum Erliegen kam.

 

Die sozialwissenschaftliche Resilienzforschung ist sich weitgehend einig, dass ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem dann weniger verwundbar ist, wenn es die folgenden Eigenschaften besitzt:

 · Robustheit, nämlich die Fähigkeit, Belastungen standzuhalten,

 · Redundanz, nämlich die Existenz von Alternativen zur Aufgabenerfüllung,

 · die Fähigkeit des kreativen Umgangs mit einer Störung,

 · und die Fähigkeit zur schnellen Reaktion auf eine Katastrophe.

 

Wir müssen jetzt lernen, dass die unter dem Gesichtspunkt der Gewinnmaximierung vor allem von den großen Konzernen globalisierten Märkte weder robust sind noch erst recht über Redundanzen verfügen. Denn der Aufbau belastbarer Strukturen und das Vorhalten von Ausweichmöglichkeiten kosten Geld und wurden daher im Laufe der Zeit immer mehr abgebaut. Robust ist eine Wertschöpfungskette dann, wenn sie Produktionsstätten und Lieferwege gegen Belastungen schützt. Redundant ist sie, wenn sie z. B. ältere Anlagen zuhause für den Fall vorhält, dass die aktuellen durch Störung ausfallen. Der kreative Umgang mit einer Störung erfordert die Aktivierbarkeit von unkonventionellen Alternativen, die nötige Schnelligkeit den vorübergehenden Verzicht auf langwierige Entscheidungs- und Genehmigungsprozesse. Unser Wirtschaftssystem ist durch die Dominanz des Gewinnstrebens und die diesem misstrauisch gegenüberstehende staatliche Kontrolle charakterisiert. Dadurch wird es in Bezug auf alle vier Resilienz-Gesichtspunkte verwundbar. Immerhin zeigt die Corona-Krise, dass vor allem kleine Unternehmen sehr wohl in der Lage sind, kurzfristig und kreativ auf den Lock down zu reagieren. Und auch das deutsche Sozialsystem erweist sich als durchaus belastbar. Man schaue nur mal in die USA, wo auf den Schlag Abertausende ohne Geld und ohne Krankenversorgung dastehen.

 

Resilienz zurückzugewinnen heißt daher vor allem, die Dagoberts dieser Welt in ihre Schranken zu verweisen und wirtschaftliche und politische Alternativen nicht allein dem Geldstreben auszuliefern. Das ist notwendig, weil wir uns nicht nur gegen weitere potentielle Pandemien wappnen, sondern auch zur Sicherung unserer natürlichen Lebensgrundlagen aufhören müssen, Raubbau an der Natur zu treiben. Denn auch natürliche Systeme sind durch unser Zutun immer verwundbarer geworden und nur noch begrenzt resilient. Wenn Corona möglichst vielen von uns dazu verhilft, dies zu lernen und zu beherzigen, dann hat diese schreckliche Krise sogar etwas Gutes.